von Tanja Frei
Es ist 22.30 Uhr, ich höre im Zimmer nebenan, wie meine kleine Tochter hustet und weint. Mein Mann, der ihr gut zuredet, versucht ihr etwas zu trinken zu geben. Um 1.30 Uhr nochmals dasselbe. 3.45, 4.55, 6 Uhr. Zwischendurch versuche ich, sie zu stillen und scheitere. Zu fest tut ihr das Schlucken und Saugen weh. Wir geben ihr ein entzündungshemmendes Medikament. Sie weint, krächzt und hustet gefühlt durchgehend. Sieben Tage und sieben Nächte dauerte dieses Szenario. Und nach knapp 40 Grad Fieber, fünf Arztbesuchen, etlichen Zäpfchen und Tröpfchen, einem teilweise fast apathischen Baby, endlosem Tragen und Schlafmangel kehrt seit Kurzem wieder etwas Ruhe ein.
Es ist der erste Morgen, an dem meine Tochter nicht weinend aufwacht. Sie lächelt wieder und trinkt an meiner Brust. Lässt sie nur ungern wieder los – nach tagelangem Verzicht. Es ist Tag eins, an dem ich nicht zum Arzt renne. Tag eins, an dem sie wieder etwas isst und vor allem nicht nur nachts trinkt. „Wenn Ihre Tochter nochmals einen Tag ohne nasse Windeln durchlebt, müssen Sie mit ihr ins Kinderspital fahren. Im Moment wirkt sie noch nicht dehydriert, aber wenn das so weitergeht, kann es sein, dass sie eine Magensonde oder eine Infusion braucht“, musste ich mir täglich anhören. Ich befand mich in einem klitzekleinen Zirkel, in dem es nur mein krankes Baby gab.
Die Woche zuvor plante ich noch Berufliches, freute mich, dass unser Plan unter der Woche und am Wochenende mit der Weiterbildung meines Mannes so gut aufgeht. Doch von einem Tag auf den anderen gab es das nicht mehr. Alles löste sich auf. Gedanken schrumpften. Mein Radius wurde klein, mein Blick eng. Alles, was zählte, war: trinkt sie, hat sie Fieber, schläft sie jetzt oder weint sie gleich wieder. Ich funktionierte; still, wachsam, angespannt. Es ist eine andere Erschöpfung, wenn das eigene Baby krank ist. Keine, die sich mit Schlaf nachholen lässt. Und sie geht einher mit einer ständigen Angst, etwas zu übersehen. Zu spät zu reagieren. Nicht genug zu tun.
Und dann, ganz leise, verändert sich etwas. Kein grosser Moment. Vielleicht nur ein längerer Schlaf, ein Lächeln am Morgen. Ein Schluck mehr und eine nasse Windel. Und irgendwann merke ich: Ich halte nicht mehr permanent die Luft an. Mein Körper lässt minimal los und ich spüre, wie sehr mich diese Tage gefordert haben. Wie tief die Erleichterung geht, wenn das Baby wieder ins Leben zurückfindet. Und plötzlich kann ich wieder atmen. Nicht komplett sorglos und unbeschwert, aber mit dem Wissen, dass diese Phase vorbeigeht und mein Kind stärker ist, als ich es manchmal glaube. Dass ich es auch bin.
Von solchen Tagen bleibt wohl mehr zurück, als man im ersten Moment wahrhaben will. Eine neue Wachsamkeit und eine Demut vor der Zerbrechlichkeit. Aber auch ein tiefes Vertrauen in dieses kleine Wesen. In mich selbst, die gelernt hat, dass ich in Ausnahmesituationen nicht zusammenbreche, sondern leiser, konzentrierter und präsenter werde. Nun weiss ich auch, wie es sich anfühlt, wenn die Enge sich löst, der Körper langsam wieder mitmacht. Und dieses Wissen trägt mich.
© Tanja Frei 2026-02-10