Unfinished Business

Kirsten Baumgartner

von Kirsten Baumgartner

Story

Ich liebe Vergleiche und Metaphern, um mir das, was das Leben ausmacht, besser erklären zu können. Die verrücktesten Sachen fallen mir aber tatsächlich bei meist alltäglichen Situationen ein. Wie zum Beispiel heute auf der Arbeit. Beim Durchstöbern mehrerer Projekte fand ich eine Aufgabe, die schon zwei Jahre ihr Leben dort fristete – aber noch nicht bearbeitet wurde. Die Sache war recht wichtig meiner Meinung nach, also stieß ich ihre Bearbeitung an. Wie herauskam, war die Aufgabe auch gemeinhin als Karteileiche bekannt. Und da kam mir eine Idee.

Auch in unserem Leben haben wir oft Karteileichen irgendwo herumfliegen. Damit meine ich keine unbezahlten Rechnungen, sondern immaterielle Karteileichen wie ein nicht vernünftig geklärter Streit. Wir legen solch “unfinished business” gerne in unserem Gehirn unter “ach, eh egal ab.” Und sind zufrieden, denn die Schublade ist ja zu. Ich sehe nichts. Ich höre nichts. Und deshalb existiert es nicht.

Unifnished business hat aber eine schlechte Angewohnheit: Es macht sich irgendwann bemerkbar. Zwar nicht in Form einer Mahnung. Um bei dem Beispiel mit dem Streit zu bleiben: Irgendwann plöppt der ganze Schmerz wieder auf, meist nur durch eine Begebenheit. Wenn wir uns vielleicht mit jemand anderes in die Haare kriegen und wir uns so wie damals verhalten – als das unfinished business sozusagen in der Entwicklung war. Wenn so etwas aufplöppt, ärgert man sich meistens. Wieso genau jetzt? Mir ging es doch so gut!

Doch wir merken, dass wir uns selber belügen. Wir haben diese Karteileiche erschaffen, weil wir uns mit dem wahren Kern – dass wir vielleicht einen Fehler gemacht haben – nicht auseinandersetzen wollen. Das Schlimme und gleichzeitig Gute ist auch: Wenn das unfinished business aufplöppt, geht es auch so schnell nicht mehr weg. Also eigentlich gar nicht, bis wir unseren Kram ein für alle mal erledigt haben.

Unfinished business ist das emotionale To-Do, dass wir weggesperrt haben, aber nicht länger ignorieren sollten, denn es ist so viel mehr als nur eine Karteileiche. Wenn wir es erledigen, fühlen wir uns frei. Frei für ein neues Lebensgefühl. Ganz ohne unfinished business.

© Kirsten Baumgartner 2022-09-09

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