(Un)Gläubig I

Susann Gersten

von Susann Gersten

Story
Dresden

Achtung: Die folgenden Worte könnten persönliche Triggerpunkte berühren, leicht provozierend sowie spaltend wirken. Bitte das Lesen abbrechen, wenn dies der Fall sein sollte.

Die, die das Unsichtbare nicht halten können.
Sie sagen, sie können das Unsichtbare und die Tiefe nicht halten.
Sagen, sie brauchen etwas Festes. Zahlen. Pläne. Ergebnisse.
Etwas, das man anfassen, abhaken, beweisen kann PUNKT.
Etwas, das bleibt, auch wenn man kurz nicht hinsieht.

Sie leben im Tun. Im Machen. Im Vorwärts. Im entweder ganz oder garnicht – Lebensgefühl.
Ihre Tage sind gebaut aus Aufgaben, Terminen, Entscheidungen.
Sie wissen, was als Nächstes zu tun ist. Und wenn sie es nicht wissen, machen sie einen Plan.

Das Unsichtbare macht sie nervös.
Nicht, weil es nicht da ist – sondern weil es sich ihnen entzieht. Weil es sich nicht festhalten lässt.
Weil es keinen Griff hat.
Und doch begegnet es ihnen ständig, nur sehen sie nicht hin.

Abends, wenn jemand im selben Raum oder nebenan ist.
Keine Worte. Kein Blickkontakt. Nur das leise Rascheln einer Seite, das Atmen eines anderen Körpers. Und plötzlich ist der Raum anders. Wärmer. Voller. Ruhiger oder dunkler, unruhiger, angespannter.
Sie können es nicht benennen. Aber sie spüren: Ich bin nicht allein.

Oder morgens, kurz vor dem Aufwachen.
Dieser Moment zwischen Traum und Tag. Wenn noch nichts entschieden ist.
Wenn kein Gedanke fertig ist. Nur ein Gefühl von Weite.
Sie halten es oft nur Sekunden aus. Dann greifen sie nach dem Handy. Nach Struktur. Nach Halt.
Es sind die, die noch 30 Minuten Zeit hätten aber dennoch nach der Bahn oder dem Bus rennen, statt den Moment zu bleiben wo sie gerade sind.

Sie sagen, „Ich kann das nicht halten, das dient mir nicht.“

Dabei halten sie es ständig. Nur nicht lange. Und nie bewusst.
Diese Menschen haben gelernt, sich zu orientieren. Früh. Vielleicht zu früh.
Sie haben gelernt, dass Sicherheit messbar sein muss. Dass Anerkennung sichtbar sein muss.
Dass man nur zählt, wenn man etwas vorzeigen kann.

Das Unsichtbare passt nicht in ihre Logik.
Es ist für sie unberechenbar.
Es lässt sich nicht rechtfertigen. Nicht erklären. Nicht verteidigen.
Und doch suchen sie es. Heimlich.

Es sind diese kleinen Risse in ihrer Gewissheit.
Die Fragen, die sie niemandem stellen.
Die sie sich selbst kaum erlauben.

Teil 2 hier in meiner Story..

© Susann Gersten 2026-01-13

Buchkategorie
Spiritualität
Stimmung
Herausfordernd, Inspirierend, Mysteriös, Reflektierend, Angespannt
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