Urlaub!

Helmut Wigelbeyer

von Helmut Wigelbeyer

Story

„Am 3.Jänner 1918 teilte mir der Oberleutnant mit, dass ich 14 Tage Urlaub bekäme. Mit der Bahn ging es nun über Trient und Villach Richtung Heimat. Am nächsten Nachmittag kam ich in Bruck an, musste jedoch dort wieder bis ein Uhr nachts auf den nächsten Zug Richtung Semmering warten. Unterwegs erfuhr ich, dass der Zug nur bis Mürzzuschlag ginge. Dort blieben zehn Mann, die noch weiter fahren sollten, übrig. Ein paar Eisenbahner erkundigten sich nach dem Frontgeschehen und führten uns dann in ein Gasthaus, wo wir kostenlos und üppig bewirtet wurden, was uns bei Gott nicht ungelegen kam. Um fünf Uhr nachmittags kam ich am Semmering an.

Mutter, Vater und meine drei Schwestern waren total und freudigst über mein unerwartetes Auftauchen überrascht. Sie hatten keine Ahnung, dass ich Urlaub hätte! Daheim kam mir alles so klein vor. Die Trafik der Mutter, der Schuppen hinter dem Haus, sogar der Sonnwendstein erschien mir wie ein Hügel gegen die gewaltigen Bergriesen, in denen ich nun schon viele Monate gelebt hatte.

Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass der kleine Bergführer von den Kaiserjägern auf Urlaub sei und bald tauchten meine Freunde der jüngeren Generation, – die, meines Alters waren auch schon unter den Soldaten – auf und befragten mich nach Strich und Faden. Da ich manchmal, so wie früher, in der Trafik der Mutter aushalf, wollten sich auch die würdigen Kutscher, wenn sie ihre Virginias kauften, mit mir unterhalten und manchmal war das Geschäft mit Leuten, die mit mir reden wollten, überfüllt. Ich kam mir sehr wichtig vor und war überrascht, wie viel Anteil die Menschen in der Heimat an uns Frontsoldaten nahmen.

Obwohl die Verpflegung in der Heimat katastrophal war – es gab zum Beispiel nur Brot aus Mais, dass bei geringster Berührung schon in Brösel zerfiel, – versorgte mich unsere Mutter mit Köstlichkeiten sondergleichen. Woher sie die guten Lebensmittel nahm, ist mir heute noch ein Rätsel…

Der Vater fuhr mit mir für zwei Tage nach Wien und besuchte alle Verwandten, die mich auch wieder verwöhnten, als hätte ich in einem Hungerlager gedarbt. Vierzehn Tage genoss ich diesen herrlichen Urlaub, dann war der Tag des Abschieds gekommen. Meine Eltern und meine Schwestern begleiteten mich zum Bahnhof. Da der Zug, zum Bersten mit Soldaten besetzt war, konnte ich nur mehr Platz auf einer offenen Plattform finden, nachdem ich mich mühsam zwischen die auf ihr stehenden Soldaten gezwängt hatte. Mit großer Wehmut grüßte ich die rasch in der Ferne kleiner werdenden Gruppe meiner Lieben, ehe der Zug im Tunnel verschwand.

© Helmut Wigelbeyer 2024-12-10

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich