Vorsichtig nehme ich Notizbücher, Collegeblöcke, Hefte, Schnellhefter, lose Blätter aus der Schachtel. Seitenweise handbeschriebenes Papier, das die verschiedensten Stadien meiner Handschrift und Rechtschreibkenntnisse dokumentiert. Seitenweise niedergeschriebene Erinnerungen, die hier geduldig darauf warten gelesen und wiederentdeckt zu werden.
Ich nehme ein Exemplar in die Hand und beginne zu lesen. Korfu 2003. Schnell werden die Bilder vom Strand und dem Meer wieder lebendig. Ich spüre das Meersalz auf meiner Haut und den Sonnenstich des ersten Tages. Ich höre die Schwester auf der Luftmatratze lachen, sehe die Oma auf dem Tretboot und den Cousin, wie er uns im Sand verbuddelt.
Ich lese weiter und weiter. Begebe mich nach Norwegen, Frankreich, Kroatien. Während mir beim Aufleben lassen von vergessen geglaubten Bildern ab und zu ein nostalgisches Seufzen entfährt oder ich ein überraschtes ‚Ach ja‘ ausrufe, merke ich das Dauergrinsen in meinem Gesicht und bin zufrieden.
Mein erstes Reisetagebuch habe ich übrigens von der Mama bekommen. Ich war zehn Jahre alt. Gemeinsam mit dem Opa und der Tante bin ich für ein verlängertes Wochenende nach London gereist. Beim Abschied meint die Mama, sie hätte mir noch etwas in die Tasche gesteckt. Ich ziehe ein Notizbuch mit Donald Duck darauf heraus. Genauer gesagt, ich ziehe MEIN Notizbuch mit Donald Duck darauf heraus. Das besitze ich nämlich schon lange. Das war einmal ein Mitbringsel von der anderen Tante. Stets verschmitzt lachte mich Donald vom Cover aus an, wenn ich es zur Hand nahm. Der Wächter über die leeren Seiten. Sein Blick sagte mir, ich solle ja etwas Gescheites in das Buch schreiben. Jedes Mal war ich verunsichert. Jedes Mal legte ich es behutsam wieder in die Schreibtischlade. Die Seiten blieben leer. Bis jetzt.
Denn nun hat die Mama für mich entschieden. Ich soll darin meine Reise mit dem Opa und der Tante festhalten. Ich klappe das Buch auf und schaue sie entgeistert an. Sie hat doch tatsächlich etwas auf die erste Seite des Buchs geschrieben. Einfach so. ‚Tabitha’s London-Tagebuch‘ steht da in roten Fine-Liner-Lettern. Jetzt habe ich keine Wahl mehr. Ich stecke das Buch zurück in die Tasche. Vom Cover aus lacht mich Donald verschmitzt an.
Heute bin ich froh über diese Aktion und bin der Mama dankbar. Denn es war der Start einer schönen Tradition. So führe ich seit jenem Sommer Reisetagebücher – mal ausführlicher, mal knapper gehalten, meist handgeschrieben, manchmal aber auch digital verfasst.
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen es schwierig sein kann neue Urlaubserinnerungen zu schaffen, bin ich dankbar über die Möglichkeit zumindest für einen Moment dem Alltag zu entkommen und das Fernweh zu stillen. Dann kann zumindest der Kopf für eine Weile in den Urlaub entfliehen.
© Tabitha Schnöller 2020-08-18