von V_L_Archer
Warmes, gelbliches Licht erfĂŒllte den Flur. Leise GerĂ€usche drangen aus dem Raum hervor und ich meinte das Laufen von Wasser zu hören. „Geh hinein“, forderte mich der Mann auf, der an meine Seite getreten war, als ich mich weigerte mich zu bewegen. Allerdings war er so leise gewesen, dass ich ihn nicht kommen gehört hatte. „Wenn du mich frĂŒhzeitig ins Grab bringen willst, mach nur weiter so.“
„Das ist unmöglich, glaub mir. Geh hinein und mach dich frisch. In etwa einer halben Stunde wird jemand kommen und dich etwas mehr ⊠aufklĂ€ren. Du weiĂt schon, die Fragen, mit denen du mich die ganze Zeit löcherst.“
„Und ich werde mich nicht dafĂŒr entschuldigen.“ Er beugte sich so nah zu mir hinunter, dass unsere Gesichter auf derselben Höhe waren. Seine Schatten schienen nach mir zu greifen und mein RĂŒcken versteifte sich. Dann verschwanden sie und ein mĂ€nnliches, attraktives Gesicht sah mich aus schwarzen Augen an. „Du bist unhöflich.“
„Sagt der Mann, der mich gekidnappt hat.“ Mein Herz hatte augenblicklich angefangen schneller zu schlagen, als ich sein Gesicht endlich sehen konnte.
Er war wirklich unglaublich attraktiv. Er besaĂ etwas lĂ€ngeres, welliges Haar, asiatische ZĂŒge, ein GrĂŒbchen in der linken Wange und unglaublich klare Augen. Er wirkte weltgewandt und sexy. Noch wĂ€hrend ich das dachte, hĂ€tte ich mir am liebsten selbst einen Tritt verpasst. Es war vollkommen egal, wie attraktiv er war. Ich hatte andere Probleme. Also wand ich meinen Blick von seinen vollen Lippen ab und schaute ihm entschlossen in die Augen. Ein Fehler, denn ich konnte Belustigung in ihnen lesen. Meine Bewunderung war also aufgefallen.
„Ich kidnappe keine Menschen. Und jetzt geh.“ Er machte eine Geste mit der Hand, aber ich bewegte mich nicht vom Fleck.
„Du denkst also wirklich, dass ich einfach so tun werde, was du von mir verlangst? Und dir glaube, was du sagst? Ich bin hier aus dem Nichts gelandet, und du willst mir weismachen es wĂ€re kein Traum? Ist es dann zu viel verlangt, mir ein paar Antworten zu geben?“
„Hör mir gut zu, Mensch“, knurrte er und kam noch nĂ€her. „Ich habe keine Lust auf diese Unterhaltung. Ja, du bist hier gelandet, ohne zu wissen wie und warum, aber das wird sich schon noch Ă€ndern. Jetzt solltest du dich umziehen, denn mit deinem Aufzug wirst du frĂŒher oder spĂ€ter Aufsehen erregen.“ Mein Mund klappte auf und errötend verschrĂ€nkte ich die Arme vor der Brust. Durch meinen Pyjama konnte man hervorragend sehen, dass mir kalt war.
„Wo ist denn hier? Sag mir wenigstens das“, verlangte ich und fasste ihn am Arm, als er sich zum Gehen wenden wollte. Er gefror mitten in der Bewegung und schaute auf meine Hand. Sofort lieĂ ich seinen Ărmel los.
„Du hast heute eine Menge durchmachen mĂŒssen. Du solltest dich ausruhen. Ich werde dir die Antworten auf deine Fragen nicht vorenthalten. Du wirst so viel erfahren, wie es momentan nötig ist.“
„Was soll das denn heiĂen?“ Doch er schĂŒttelte nur den Kopf und ging ohne ein weiteres Wort, das Gesicht wieder von Schatten umhĂŒllt.
© V_L_Archer 2022-04-02