Venus im Adamskostüm

Marianne Kerschbaumer

von Marianne Kerschbaumer

Story

“Influenzerinnen halbnackt vor Botticellis Venus” so oder ähnlich titelte es in den Tageszeitungen rund um den Nationalfeiertag.

SideFacts:

“Die Geburt der Venus”, ist ein Gemälde von Sandro Botticelli, welches sich im weltberühmten Florenzer Museum, den Uffizien, befindet. Es stellt die Ankunft der römischen Göttin Venus an der Küste von Paphos dar. Lange Schreibe kurzer Sinn: Auf dem Bild ist unter anderem auf einer Muschel die Venus im Adamskostüm dargestellt, die sich in keuscher Pose mit der rechten Hand den linken Busen und mit den Ausläufern ihrer überlangen roten Haarpracht ihren Venushügel bedeckt. Apropos: Wie hieß der Venushügel bevor die Göttin als Namenspatronin herhalten musste? Genau! Schamhügel! Was für ein Geniestreich des Patriarchats weibliche Geschlechtsteile offiziell mit dem Wort SCHAM beginnen zu lassen.

Aber ich schweife ab, also schnell zurück zur Schlagzeile:

Vor diesem antiken Meisterstück des Botticelli ließen sich zwei weibliche Influenzerinnen in schwarzen durchsichtigen Hemden für soziale Medien ablichten und filmen. Soweit so skandalös zumindest, wenn wir den Worten der Museumsverantwortlichen und der Presse vertrauen.

Auch der Fraktionsvorsitzende der italienischen Regierungspartei “Fratelli D’Italia” (übersetzt “Brüder Italiens”), zeigt sich empört und beklagt diesen Imageschaden.

„Sex sells, warum die Aufregung? Das müsstet ihr Dudes doch am besten wissen!“, ist meine erste affektiv gedankliche Reaktion.

Waren es nicht eure Geschlechtsgenossen, die jahrzehntelang sexistische Werbung perfektionierten? Wofür wurde der weibliche Körper nicht sexualisiert um Milliarden, vorwiegend männliche Käufergruppen, anzuregen?

Würde eine sich auf einem Alfa räkelnde Schönheit, ebenfalls als Imageschaden des italienischen Kulturguts abgestempelt?

Alles eine Frage der Perspektive? Fragt sich bloß, welche Perspektive als die Akzeptable gilt. Wer bestimmt, was als verkaufsfördernd-sexy oder halbnackt-ordinär gilt? Legt gar eine patriarchale Messlatte unentdeckt subtil, aber öffentlichkeitswirksam fest, wann Freizügigkeit gewünscht und wann die Grenze zur Ordinärität überschritten wird?

Wie lässt es sich anders erklären, dass Frauenkörper in schwarzen durchsichtigen Hemden als zu freizügig gelten, während ein unbekleideter Männeroberkörper im öffentlichen Raum wohl kaum Aufsehen erregen würde?

Welcher Schluss liegt nahe? Spärlich bekleidete Frauenkörper sind noch immer viel zu oft erwünschte, verwendete und gern betrachtete “Werbesujets”. Es sei denn es handelt sich um männlich-historische Kunst. Da ist die patriarchale Schamgrenze gegenüber dem Weiblichen dann doch schnell überschritten. Dafür braucht es meist nicht viel. Oftmals sind ein Paar öffentlich sichtbare Frauennippel völlig ausreichend.

© Marianne Kerschbaumer 2022-10-28

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