Verborgene Zusammenhänge

Sebastian Körner

von Sebastian Körner

Story
Kanton Bern 2025

Auf dem Weg nach oben kam Nina an den Stationen im ersten und zweiten Stock vorbei. Sie fragte sich, ob Finn bereits in einem der Zimmer lag, und da sah sie ihn plötzlich vor ihrem inneren Auge mit einer Zwangsjacke in einer Gummizelle sitzen. Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass das Bild albern und klischiert war, und sie wischte es schnell wieder aus ihren Gedanken.

Im dritten Stock angelangt las Nina gleich auf der ersten Tür rechts neben dem Treppenhaus Dr. med. Maximilian Nebel, Oberarzt f. Neurologie und Leiter d. Nervenklinik, sie war noch verschlossen. Im Wartebereich vor dem Büro setzte sie sich an einen runden Tisch und blickte sich um. Im dritten Stock befanden sich neben den Zimmern der Ärzteschaft Sitzungsräume sowie etwas weiter hinten Betten für besondere Patientinnen und Patienten. Hoffentlich lag Finn nicht hier oben …

„Frau Pereira?“, holte sie eine ruhige Stimme aus ihren Gedanken. Sie blickte auf und sah einen hochgewachsenen Mann vor sich stehen. Unter dem weißen Kittel trug er ein weißes Hemd und schwarze Hosen, seine grauen Haare waren nach hinten gegelt. „Ich bin Doktor Nebel, Sie wollten zu mir“, stellte er sich vor und streckte ihr seine Hand entgegen.

Im Büro bot der Arzt Nina einen Stuhl an und setzte sich selbst hinter seinen Schreibtisch: „Sie sind die Freundin von Finn Thomann, habe ich das richtig verstanden?“, erkundigte er sich. „Genau“, erklärte Nina. „Ich wollte ihn besuchen, aber er war nicht im System.“ Doktor Nebel nickte: „Es gab ein Problem mit der Technik, daher wurde Herr Thomann nicht angezeigt. Hat ihr Freund noch weitere Angehörige?“ – „Finn ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, aber er hat nur noch wenig Kontakt mit ihnen. Er hat sich, glaube ich, nie richtig in die Familie eingefunden.“

Interessiert fragte der Arzt: „Wissen Sie, wo Herr Thomanns leibliche Eltern sind?“ Nina erzählte: „Finn weiß gar nicht, wer seine richtigen Eltern sind. Als er acht Jahre alt war, wurde er von der Polizei gefunden und konnte sich nicht erinnern, von wo er kam, auch gab es keine Vermisstenanzeige. Später wurde er adoptiert. Bitte, Herr Doktor Nebel, könnte ich mit Finn sprechen?“ Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf und sprach: „Das ist in dieser Situation nicht ratsam. Finn ist in einem sehr labilen Zustand und jeder Kontakt könnte dies noch verschlimmern. Es wäre besser, wenn Sie in ein paar Tagen wiederkommen, wenn es ihm besser geht.“ Nina dachte an den letzten Abend und fragte: „Gestern hat Finn vom Sicherungskasten einen starken Stromschlag bekommen, könnte das etwas mit seinem Zustand zu tun haben?“

Doktor Nebel blickte sie aufmerksam an und überlegte, dann meinte er: „Das liegt etwas weit zurück, aber es wäre möglich. Ist etwas zwischen dem Stromschlag und dem Anfall vorgefallen?“ Zuerst fiel Nina nichts ein, doch dann meinte sie: „Finn hat heute Nacht einen seltsamen Traum gehabt.“ Der Arzt wollte mehr wissen, also erzählte ihm Nina, woran sie sich erinnern konnte. Fasziniert hörte ihr Doktor Nebel zu und meinte zum Schluss: „Vielen Dank, Frau Pereira. Ich glaube, Sie haben mir und damit ihrem Freund sehr geholfen.“

© Sebastian Körner 2025-09-23

Genres
Spannung & Horror
Stimmung
Dunkel, Emotional, Mysteriös
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