Verlorene Heimat

Annika Höller

von Annika Höller

Story
Tschechische Republik

Knapp 200 Häuser. Und über 1.300 Einwohner. So viele zählte einst das Straßendorf Buchers, 25 Kilometer südöstlich von Kaplitz in Südböhmen. Die Menschen lebten von der Landwirtschaft, es gab eine Brauerei, eine Schnapsbrennerei, eine Mühle, ein Hammerwerk. Auch die Hinterglasmalerei spielte eine große Rolle und ging auf eine erste Glashütte aus dem 17. Jahrhundert zurück, später kamen weitere hinzu. Die Einwohner sprachen zum Großteil Deutsch, trafen sich zum Plausch auf dem Marktplatz, verfügten über eine Kirche und eine Schule.

Heute wirkt Pohoří na Šumavě, wie es nun heißt, verwaist, heruntergekommen, gespenstisch. Dort und da ragen noch alte Marterl aus der Erde, hin und wieder erinnern ehemalige Steinmauern oder ein planierter Boden an einstige Häuser. Dazwischen hat sich die Natur jedoch längst ihr Territorium zurückerobert. Auch rund um die Grabsteine des antiken Friedhofs recken sich die Halme gen Himmel oder schlängeln sich an deutschen Inschriften entlang, die niemandem mehr etwas sagen. Denn die früheren Bewohner sind längst weg. Sie mussten gehen. Und ihre Heimat verlassen. Das alles geschah nach dem Zweiten Weltkrieg. Beneš-Dekrete, Aussiedlung, Eiserner Vorhang. Wir kennen die Geschichte.

Und doch wird sie erst so richtig spürbar, wenn man an Orte wie diesen reist. Oder wandert. Wenn man den Blick über die einst besiedelten Gebiete streifen lässt. Wenn man mit den Fingern die Gravur eines Kriegerdenkmals befühlt. Oder wenn man voller Ehrfurcht die restlichen Mauern der Bucherser Kirche bestaunt, die wie ein Mahnmal inmitten des Ortes stehen. Denn ab den 1950er-Jahren verwaiste nicht nur der Ort zunehmend, sondern auch die Kirche wurde immer desolater. Bis in den 1990er-Jahren schließlich der Turm auf das Kirchenschiff stürzte. Ein makaberer Anblick, der einem den Atem raubt und an den ich noch denke, als ich zurück auf dem eigentlichen Wanderweg bin und zur Bucherser Gedenkkapelle komme, die durch frühere Bewohner des Ortes finanziert wurde. Drinnen blättere ich in einem Buch, das allerlei alte Ansichtskarten, Informationen und Fotos enthält. Und frage mich einmal mehr, wie es sein muss, die Heimat von einem auf den anderen Tag verlassen zu müssen. Und zurückzukehren und zu sehen, was davon übrig geblieben ist. Es muss ein Schmerz sein, der einem das Herz entzweit. Leider können wir die Zeiger der Uhr nicht zurückdrehen. Aber wir können uns erinnern, Orte wie diese besuchen und das Wissen darüber weitergeben. Das ist unsere Pflicht.

© Annika Höller 2023-07-23

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Emotional, Informativ, Inspiring