VERNUNFT

Roswitha Springschitz

von Roswitha Springschitz

Story


Das Wort „Vernunft“ klingt fĂĽr mich wie „verschnupft“ und kann darum auch nichts Gutes bedeuten. Irgendwie ist bei mir dieser Eindruck entstanden. Verursacht VernĂĽnftig-Sein vielleicht Schnupfen? Wie komme ich nur darauf? Egal. Vernunft hat etwas Verschnupftes, etwas Verstopftes und Verstocktes, behaupte ich. Und das liegt an den Nasallauten dieser beiden Wörter: -nunft und -schnupf. Meine neue, geradezu bahnbrechende sprachwissenschaftliche Theorie ist das!

VernĂĽnftig ist auf jeden Fall brav, das wird niemand bestreiten. Und brav ist, wer vernĂĽnftig ist. Angepasst. Ich mag VernĂĽnftig-Sein gar nicht, stelle ich fest. Unvernunft ist so viel cooler! Zum Beispiel unvernĂĽnftiger weise – wie hierzulande vielfach behauptet wird – ins kalte Wasser schwimmen gehen: Das tut richtig gut. Man holt sich dabei garantiert keinen Schnupfen!

Klarerweise bin ich nicht die Erste, die so ĂĽber Vernunft denkt. „Ich achte nicht auf die Vernunft. Die Vernunft empfiehlt immer das, was ein anderer gerne möchte.“, sagte beispielsweise die englische Schriftstellerin Elizabeth Gaskell – meine Schwester im Geiste und Seelenverwandte, die im 19. Jahrhundert lebte.

Mein Fazit: Mit dem deutschen Wort Vernunft fange ich wenig an. Will auch gar nichts anfangen, damit. Zu oft habe ich dieses „Sei doch vernünftig!“, gehört, vielleicht. Vernünftig-Sein heißt, sich in Schranken weisen lassen. Nicht mein Ding.

Raison ist mir wesentlich lieber. Raison befreit mich. Ich räsoniere sehr gerne. Da denke ich über so manche Lebens-Ereignisse und Sachverhalte nach und gelange zu neuen Erkenntnissen. Schriftlich und mündlich mache ich dies und empfinde es als fruchtbar und befreiend.

Zuletzt möchte ich noch das Beispiel meiner ehemaligen, durch und durch vernĂĽnftigen Freundin bringen. Die nie tut, was ihr gefiel. Deren Leben in strengen und engen Vernunftbahnen ablief: VernĂĽnftigerweise aĂź sie beispielsweise nie viel und natĂĽrlich niemals zu viel. Das wĂĽrde ihrem Körper nicht guttun, war sie belehrt worden. Sie hätte mit Ăśbergewicht, Verdauungsproblemen und, als Spätfolge, mit Bluthochdruck zu tun, war ihr gesagt worden. Was aus ihr geworden ist. Ich weiĂź es nicht. Sie hat zu mir, der UnvernĂĽnftigen, den Kontakt abgebrochen. Empfand mich wohl als irritierend und störend. Das ertrug sie nicht. Und mir war’s recht so.






© Roswitha Springschitz 2023-06-04

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Humor& Satire
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