von Lea Beschorner
Als ich sehe, wie der Freund meiner Schwester auf die Knie geht, als sie gerade ihr Geschenk auspackt, wird mir schlecht. Es war eine kleine, quadratische Schachtel. Tolle Überraschung, ein Verlobungsring, was hätte da auch anderes drin sein sollen. Als sie ihn uns stolz präsentiert, nachdem sie Ja gesagt hat, erzwinge ich ein Lächeln. Nicht, weil ich mich nicht für sie freue. Ganz im Gegenteil, das tue ich sehr. Sondern, weil ich weiß, was jetzt gleich kommen wird.
»Und, hast du jetzt auch endlich mal einen Freund?« Meine Oma pikst mich in die Seite und schaut mich ganz neugierig an. Ich verneine ihre Frage, das macht sie sichtlich traurig. Meine Schwester ist die Jüngere von uns beiden. Dass eigentlich ich zuerst diesen Schritt gehen sollte, lässt mich unsere Familie ab und zu mal wissen.
»Ich möchte nicht heiraten«, gestehe ich.
»Du bist ja auch noch jung«, erwidert sie. »Und du hast ja noch ein bisschen Zeit.«
»Nein«, sage ich. »Ich möchte es nicht.« Die große Liebe. Sie ist zugleich mein größter Wunsch und meine größte Angst. Die Vorstellung, mein ganzes Leben mit der gleichen Person zu verbringen ist wunderschön wie beängstigend zugleich.
Sie erkundigt sich bei dem frisch verlobten Paar, wann es denn mit dem Nachwuchs endlich soweit sei. Erstmal heiraten, dann geht es weiter, ist ihre Antwort.
»Dich brauche ich ja nicht fragen, oder?«, sagt sie zu mir. Früher war ich mir sicher: Wenn ich einmal groß bin, möchte ich eine eigene Familie haben. Ich möchte heiraten und am liebsten drei Kinder bekommen. Zwei Jungen und ein Mädchen, damit meine Tochter gleich zwei Beschützer auf dem Pausenhof hätte. Und am besten wohnen wir alle in einem großen Haus mit Garten und sind glücklich bis wir sterben.
»Ich weiß noch nicht, ob ich Kinder möchte«, gestehe ich erneut. Ich fühle mich schlecht, sobald ich dies ausgesprochen habe. Irgendwie habe ich nämlich das Gefühl, dass ich es wollen muss. Dass mit mir etwas nicht stimmt, wenn die Gründung einer eigenen Familie nicht mein Lebensziel Nummer Eins ist.
Den Wunsch nach einem eigenen Kind habe ich bislang noch nie verspürt. Klar, alles im Leben kann sich ändern, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas wie ein Kinderwunsch völlig aus dem Nichts kommt.
»Du hast ja noch Zeit«, sagt sie erneut und streichelt mir liebevoll übers Bein. Vielleicht bin nicht ich diejenige, die Zeit braucht. Vielleicht sollte ich diesen Satz auch mal zu ihnen sagen. Ihr habt ja noch Zeit, euch damit abzufinden, dass ich kein Bilderbuchleben führen werde. Vielleicht bin ich auch ein bisschen erleichtert, dass meine Schwester den nächsten Schritt geht. Weil ich hoffe, dass mir das alles etwas Druck nimmt.
Immerhin haben meine Eltern ein Kind, was nicht aus der Reihe tanzt.
© Lea Beschorner 2022-12-09