von Daisy Kopera
Das Orchester spielt im gleichnamigen Graben, sehr sauber und professionell um Violetta beim Sterben zu begleiten. Violetta ist zwar bekanntermaßen schwindsüchtig, aber hier und heute keineswegs vergleichbar mit einer aschfahlen, lebenstoten, bettelarmen bohèmischen Mimi, nein, sie hustet verhalten, lebt und lebt und versucht zu überleben. Das, freilich, ist von vorne herein nicht Ziel des Spiels, Abgang ist Sache.
Violetta, eine verhältnisfrohe Verschwenderin die niemals echte Gefühle für irgendwen aufbringt, steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens, hat gesundheitliches (vermutlich auch moralisches) Ablaufdatum, glaubt nicht an echte Liebe, die sie freilich nicht kennt, frönt nur Lust, Vergnügen, Verschwendung und noch mal etwas Lust. Käme da nicht Alfredo, ein ungelenker, ehrenhafter Liebender, dessen Zuneigung sie erst ablehnt, und dann aber doch, sich eine bedingungslose Liebe eingesteht.
Die Wogen aber werden hoch, die Geschichte ist bekannt und nimmt ihren Lauf, weil ja die Etikette es einem Ehrenmann nicht erlaubt sich mit einer Leichtlebigen zu verbinden undwennsienochsooschönwär. Deshalb verbietet der verkorkste eben-noch-nicht-Schwiegervater die Verbindung von vornherein – oh Konvention! Violetta leidet aus gekränkter, nicht ausgelebter Liebe, während die Tuberkelbakterien ihre Lunge, ihren Körper, ihren Verstand und ihre Seele aufzufressen drohen.
Sie hustet gekonnt, singt und spielt unglaublich bis sie schließlich im schwarzen Büßerhemdchen, das ein aufreizendes Seidending ist, fast nackt in der riesigen schwarzen Guckkastenbühne unseres kleinen Opernhauses am Boden zwischen unzähligen von ihren Gästen weggeworfenen Pokerkarten liegenbleibt.
Noch ist sie nicht gestorben! Sie sehnt sich nach Alfredo, der dann doch zu ihr zurückkehrt, gerade rechtzeitig um ihren letzten Zügen beizuwohnen. – Tragik pur! – Selbst wird er halb wahnsinnig vor Angst, die gemeinsame Zeit könnte zu kurz werden. Das ist begründet denn Violetta haucht ihr Leben, ihre Liebe und alles sonst noch hustend aus und entschwindet im unergründbaren Schwarz des tiefen Bühnenraums. Ja, – fading away – ist hier der beste Ausdruck.
Die Musik ist ergreifend schön bis um letzten Ton, Violetta´s Gesang perfekt, das Sterben nah.
Endlich hab ich den Titel der Oper verstanden: la Traviata: die Abwegige, die D´rüberschreitende, die Hinübergleitende . . . wer weiß was da die richtige Interpretation ist, aber es geht um die Transzendenz und um das Ausscheiden – weg von diesem irdischen Leben – mit und oder ohne Liebe, mitnehmen kann man nichts, auch sie nicht, keinesfalls, das wird klar.
Vorhang, nach Vorhang, Applaus, Verbeugungen und Applaus und Verbeugung und Wissen, dass ein Opernabend gerade eben auch in die Erinnerung transzendiert. Violetta verbeugt sich im schwarzen Hemdchen in dem sie gerade gestorben ist, verschwindet hinter der Bühne und geht nach Hause, so wie alle anderen auch.
© Daisy Kopera 2021-04-07