Vom Anfang und Ende

Tristi

von Tristi

Story

Ich wurde achtzehn als der Sommer gerade begann. ‚Kaum zu übertreffen‘, bemerkte mein Vater, während er mir den Oberarm sanft drückte. ‚Glückwunsch‘, fügte er wehmütig hinzu und fuhr daraufhin ohne Abschied zur Arbeit. In dieser Verklemmtheit, die mich damals kaum bekümmerte, glaube ich heutzutage eine Mischung aus Stolz, Angst und Traurigkeit zu erkennen. Stolz, weil meine Volljährigkeit doch irgendwie als Sieg von meinem Vater gedeutet wurde; Angst, weil ich fortan für mich selbst zuständig sein würde, was notgedrungen zu dieser schwer zu definierenden Gefühlslage führte. Ewig durch den Dschungel hackend glauben sich die Glücklichsten unter uns für eine Zeitlang sattelfest, um schlagartig zu erkennen, dass weder Sattel noch Pferd noch Pfad vorhanden sind. Die Magie, wie mir später beigebracht wurde, besteht darin, handlungsfähig zu bleiben, trotz Realisierung der gleichzeitigen Gültigkeit entgegengesetzter Wirklichkeiten. Dass wir, zum Beispiel, sowohl sinngebend als auch sinnentleert sein können, werde ich im Folgenden weiter darzustellen versuchen.

Wie gesagt, mit achtzehn lag mir die Welt zu Füßen. Zusammen mit meinen engsten Freunden entschieden wir uns für einen Wochenurlaub in Gandía, und zwar den Frauen wegen, die, unseren Kollektivvorstellungen entsprechend, sicherlich nach großzügiger Freiheit duften müssten. Unser Transportmittel war ein altes Wrack, unsere Herberge ein Campingplatz, unser Dach, wie wir später herausfanden, ein Individualzelt, wo drei hineinpassen mussten. Alles war schäbig, kaum was, außer unseren Erwartungen, hatte Glanz. Es war einer der schönsten Zeiten meines Lebens. Beim Hinweg kümmerte mich kaum, ob wir unser geplantes Ziel jemals erreichen würden. Ich frohlockte einfach am offenen Fenster des Wracks. Sollte es zusammenbrechen und stehenbleiben, irgendwo verlassen in Castilla la Mancha, egal, irgendwas würde sich schon ergeben. Wir feierten jeden Tag bis zur rötlichen Färbung der Palmen durch die aufkommende Sonne, und jegliches Katergefühl wurde unbekümmert einfach weggetrunken.

Doch bis sowas Wirklichkeit werden durfte, musste ich ans Geld. Ich kellnerte für über drei Monate und wurde im Lauf der Zeit auf einen sehr alten Mann aufmerksam. Wir sprachen einmal kurz über das Wetter. Am nächsten Tag über die Sportergebnisse. Danach wurde er zum Stammgast. Zusammenhanglos, manchmal sporadisch, manchmal über Tage hinweg, erzählte er mir von seinem Leben. Vom Krieg, von der Kindheit, von der Liebe und von der Familie, die nicht mehr anwesend waren. Was sich halt während eines Kaffees erzählen lässt. Als die drei Monate vorüber waren, versicherte ich ihm, dass ich wieder zu Besuch kommen würde. Tat ich aber nie. Erst Jahre später erfuhr ich, dass er ein paar Monate danach verstorben war. Mein alter namenloser Freund starb alleine und von der Welt vergessen. Mag er hierin zumindest kurz aufleben.

© Tristi 2021-07-18

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