von Franz Brunner
Der Grundstein meiner Liebe zur Philosophie, vor allem jener der Antike, wurde in der Hauptschule gelegt, als ich die Wandtafeln im Geschichtsunterricht lÀnger als der durchschnittlich Pubertierende betrachtete.
MĂ€nner mit weiĂen BĂ€rten wandelten in hohen SĂ€ulengĂ€ngen, sprachen in wallenden GewĂ€ndern zum FuĂvolk und erklĂ€rten in groĂen Worten die Welt. Und dann soll Sokrates glatt behauptet haben: „Ich weiĂ, dass ich nichts weiĂ.“ Papperlapapp! Dieser Mann war ein herausragender Philosoph, war der Lehrer Platos und beeinflusste so auch maĂgeblich die Lehren des Aristoteles.
Meine grecophile Veranlagung Ă€uĂerte sich bald sogar darin, dass ich griechische Dramen und Komödien im Hexameter mit Begeisterung las. Welcher Teenager kann sich denn heute noch ĂŒber Aristophanes und „Die Frösche“ und die Vorstellung, in einem Weinfass zu leben, amĂŒsieren.
Etwas spĂ€ter, als ich geistig bereits belastbarer war, las ich Baruch de Spinoza, seine „Geometrische Ethik“. Ja, das habe ich noch verstanden. Zumindest Teile davon, beim Rest tat ich zumindest so. Selbst mit dem „Kategorischen Imperativ“ des Immanuel Kant hatte ich wenig Probleme und bemĂŒhte mich, diesen in mein Leben einzubauen. Ich kann die Kernaussagen heute wie damals auswendig aufsagen, Ă€hnlich dem Vertrauensgrundsatz beim FĂŒhrerschein, den ich im Ăbrigen fĂŒr genauso wichtig halte.
Und weil ich gerade so ehrlich bin und einen Einblick in meine Weltanschauung gewÀhre, fordere ich Sie ebenfalls zur Ehrlichkeit auf. Dazu Folgendes:
„In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprĂŒngliche Offenheit des Seienden als eines solchen: dass es Seiendes ist â und nicht Nichts. Das Nichts selbst nichtet ⊓
Sind Sie jetzt verwirrt? Bitte geben Sie’s zu, es bleibt unter uns und wĂŒrde mich ungemein beruhigen. Das Nichts nichtet. Alles da fĂŒr einen grammatikalisch richtigen Satz. Subjekt und PrĂ€dikat, die Minimalvorgabe ist erfĂŒllt. Der Mensch menschelt, der Fisch fischelt und das Nichts nichtet eben. Im Duden gibt’s dieses Verb nicht. Man kann alles Mögliche und Unmögliche tun. Warmduscher können boostern, eine GĂ€stin kann preppen, aber es ist keine Rede vom „nichten“. Dieser Heidegger fordert uns ordentlich heraus. Wie muss ich mir das Nichts vorstellen? Und es dann auch noch nichten zu lassen. Zugegeben, menscheln und fischeln wird man ebenso vergeblich im Duden suchen, aber da kann man sich schon eher was vorstellen.
Warum ich mich in dieser eigenartigen Zeit wieder mit Philosophie beschĂ€ftige? Weil ich in KĂŒrze an einem Philosophie-Symposium teilnehme und ich mich vergnĂŒgt darauf vorbereite. Die Sommerakademie auf Zakynthos bietet sowas an. Man sitzt in gemĂŒtlicher Runde unterm Olivenbaum und tauscht sich unter Anleitung eines richtigen Gelehrten ĂŒber Gott und die Welt, ĂŒber GlĂŒck und Liebe aus.
Und wenn der Meister gut drauf ist, wird er uns vielleicht sogar erklÀren, warum und wie das Nichts erfolgreich nichtet. Ich werde berichten.
© Franz Brunner 2022-07-28