Vom Kniefall zur kaputten Ente

rebella-maria-biebel

von rebella-maria-biebel

Story

Vielleicht animiere ich zu Kniefällen? Immerhin hat auch mein heutiger Mann einen solchen vor mir getan, vor ĂĽber zehn Jahren. Bei einem Deep-Purple-Konzert in Magdeburg vor einem tausendfachen Publikum ( die meisten waren wohl grad in der Pause Luftschnappen). Aber da war der Kniefall, und er sagte:“Falls ich je wieder heiraten sollte…, dann nur dich!“ War ganz schön emotional, und vor allem war es der wichtigste Kniefall in meinem Leben. Der von dem ich heute erzählen will, den hab ich längst vergessen gehabt, eine fĂĽr mein Leben völlig uninteressante Begebenheit. Es war die Erinnerung an den Deep-Purple-Kniks, die mir ein Bild aus längst vergangenen Tagen wachrief.

Ja, ich war halb so alt wie heute. Meine Ehe war gerade gescheitert und ich kam mir derart hässlich und uninteressant vor, dass ich der Meinung war, nie mehr einen Partner zu finden. Selbstwert gleich null, obwohl mir meine Freunde vermitteln wollten, dass ich eine attraktive, interessante Frau wäre. Heute nehme ich das an, in diesen vergangenen 35 Jahren habe ich gelernt, mich liebzuhaben. Aber damals, als ich Paul bei einer Party bei Freunden kennenlernte, war mir sein Interesse an mir nur suspekt. Ein hübscher junger Student konnte mich doch nur zum Narren halten mit seinen Schmeicheleien, dachte ich, und schüttelte zu allem nur den Kopf.

Bis er dann eines Tages, jawohl am hellichten Tage!, mitten auf der Kärntner Strasse vor mir einen Kniefall tat und rief: „I want You!“ – Er war ja Engländer. Hm. Da dachte ich, wenn der so durchgeknallt ist, dann erlaube ich mir auch durchzuknallen. In dem unbeschwerten GefĂĽhl, in Paul nie und nimmer meinen zukĂĽnftigen Lebenspartner gefunden zu haben, machte ich mich auf den Weg in seine chaotische Studentenbude irgendwo im 16. Hieb. So begann eine fröhliche, unkomplizierte Affaire, und in dieser Zeit möbelte ich mein Ego ordentlich auf.

Dann fuhren wir zu einem open-air-Konzert. Das heisst, wir wollten dorthin, zu dritt in meiner Ente. Paul wollte unbedingt ans Steuer („What a lovely ducky!“), na gut, wir wechselten die Plätze und er sauste los. Soweit man mit einer Ente sausen kann. Sein Gesicht strahlte vor Freude, das meinige verfinsterte sich zusehends.

„Hey, calm down, guy!“

Aber Paul wollte nicht auf mich hören. Dafür gab die Ente bald eigenartige Geräusche von sich, die wir trotz lauter Musik nicht mehr überhören konnten. Ausserdem kam leichter Qualm aus der Motorhaube, der schnell dichter wurde. Die Ente rollte am Pannenstreifen kurz vor Baden aus, der Mechaniker vom ÖAMTC versetzte ihr den Todesstoss indem er seufzte, dass da leider nichts mehr zu machen sei.

Meine geliebte alte Ente, mein allererstes Gefährt überhaupt, hatte somit ausgedient. Und damit auch meine Affaire mit Paul. Als wir drei von Baden mit dem Bus nach Wien zurückfuhren, sagte ich ihm Danke für eine nette Zeit. Und Tschüss.

© rebella-maria-biebel 2020-09-30

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