In den 80er Jahren, als Deutschland noch aus zwei ziemlich ungleichen Teilen im Osten und Westen bestand, musste man sich als pubertierender Teenager etwas einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu lenken, weil man anfing, sich dafür zu interessieren. Als Ostberliner Göre lernte ich schnell die Kunst der Improvisation, da das Angebot an modischen Artikeln verschwindet gering oder sogar peinlich war.
Da alles, was in einem volkseigenen Betrieb produziert wurde, von ganz oben abgesegnet werden musste, hatten irgendwelche eigensinnigen und starrköpfigen Opas die Entscheidungsgewalt darüber, was chic sein sollte. Das entsprach natürlich in keiner Weise dem Geschmack eines Jugendlichen.
Wir nähten uns Oberteile aus Männerunterwäsche, Plastikschläuche füllten wir mit buntem Wasser für Armbänder, alte Telefonkabel wurden zu Halsketten umfunktioniert, der Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt. Sogar Zuckerwasser wurde für das Haarstyling verwendet.
Wenn es mal etwas Begehrliches gab, dann konnte man das in der Regel nur als “Bückware” bekommen. Das hieß, dass diese Sachen dann nicht normal im Laden zu erwerben waren, sondern von den Verkäufern unter der Ladentheke versteckt und nur an ausgewählte Kunden oder Freunde herausgegeben wurden. Hierzu musste sich der Verkäufer dann unter die Ladentheke bücken.
Als Netzstrumpfhosen in Mode kamen gab es natürlich so etwas auch nicht im Ostteil Deutschlands. Da war ich auch mit meinen Improvisationskünsten am Ende. Doch meine Uroma hatte als modisch bewusste Dame ein Schmankerl in ihrer Schublade, und zwar ein paar schwarze Netzstrümpfe. In ihrer Jugend war so etwas Ähnliches nämlich auch schon mal modern gewesen, nur gab es seinerzeit noch keine Strumpfhosen, sondern die Strümpfe wurden mit Clips an einem Höschen befestigt, das nennt man dann Strapse.
Ich war gleichzeitig erfreut und verzweifelt. Die Strümpfe waren zwar wunderschön, aber dieses Miederhöschen mit den komischen Halterungen da dran, das sah schon sehr komisch aus. Nun gut, dachte ich mir, wer das eine will, der muss das andere mögen. Und ich wollte Netzstrumpfhosen.
Von da an trug ich diese also voller Stolz und wurde von einigen sogar darum beneidet. Natürlich hatte ich sie auch in der Schule an. Im Sportunterricht musste ich mich dann meiner Sachen im Umkleideraum entledigen, so dass meine Mitschülerinnen sahen, was ich unter dem Rock trug. Plötzlich wurde es ganz still im Raum und alle sahen mich ungläubig an. Ich fühlte mich ganz schön unwohl in meinem Aufzug, wusste ich doch nicht, wie ich das jetzt erklären soll. Doch dann rief eine Mitschülerin: “Dann bist Du jetzt ”Strapsi“. Die Mädels sprachen mich nur noch mit “Strapsi” an, was bei den Jungs dann wieder Fragezeichen aufrief, die schnell aufgeklärt wurden. Irgendwann gewöhnte ich mich daran und fand es auch ganz witzig.
Selbst auf dem Klassentreffen 30 Jahre später hatte das noch niemand vergessen.
© Katja van der Trappen 2022-10-08