von Tanja Frei
Ich sitze im Schlafshirt auf meinem Balkon, die Beine in eine flauschige Decke gewickelt, und beobachte die Blitze in dieser Gewitternacht, die über den dunklen Himmel schiessen. Der Regen prasselt ganz leise auf die Blätter der Baumkronen direkt auf meiner Augenhöhe. Es ist angenehm warm. Ich fühle mich ruhig. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Ruhig, klar und geordnet gehe ich meinen Gedanken nach und geniesse das Gefühl, dass plötzlich alles stimmt. Dieser Abend, dieser Moment. Tiefenentspannt. Eins nach dem anderen.
Nur vier Stunden zuvor hatte mich ein heftiges Gedankenkarussell ĂĽberrollt, gefolgt von Panik, einer missglĂĽckten Meditation und einem Telefonat mit meiner Mutter, in dem ich sie bat, mir zu sagen, dass ich sicher und geborgen sei – dass sie hinter mir stehe. Der Auslöser: eine E-Mail. Und ein ziemlich unsteter Tag. Geprägt von Nervosität und Unsicherheit. Aus dem Gleichgewicht. Es tat gut, meine Sorgen loszuwerden, zu spĂĽren, dass jemand da ist – egal, was passiert. Standfest. Tief im Boden verwurzelt, bereit, jedem Orkan zu trotzen, der hart und chaotisch durch mein Leben fegt.
Wie eine Schneekugel, die heftig durchgeschüttelt wurde, setzt sich der Schnee, nach von Stürmen durchzogenen Wochen, ganz langsam wieder auf dem Boden ab. Nur kleine Windböen wirbeln ihn hin und wieder auf. Und so schnell sie kommen, so schnell ist es auch wieder still. Die Wurzeln des Baumes so stark, der Baum kräftig und stabil. Der Wind meldet sich leise und pfeifend, doch ich höre meine Intuition, weiss, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Ich komme zur Ruhe. Spüre mein Urvertrauen wieder, höre, wie es mir nach wochenlangem Schneegestöber endlich wieder sagt, dass alles immer gut werden wird. Dass mir, solange ich mich habe, nichts passieren kann.
Ich fĂĽhle mich frei, schaue mich um, die Blitze weit weg, geniesse den Moment, atme ruhig, denke an meinen Lieblingsmenschen. Sicherheit. Ich lege mich ins Bett und falle in einen tiefen und ruhigen Schlaf. Bis der Lieblingsmensch um vier Uhr morgens zu mir ins Bett kriecht, mich sanft berĂĽhrt, ich kurz aufwache und sofort weiss: Heute Nacht kann mir gar nichts passieren. Ich schlafe weiter und wache um halb acht wieder auf. Es ist Samstag, mir geht es gut. Verschlafen schlurfe ich in die KĂĽche, stelle den Bialetti auf und nehme den Duft des kochenden Kaffees mit allen Sinnen auf. Die Sonne scheint wieder. Der erste Tag nach dem Sturm.
© Tanja Frei 2024-06-20