Was bleibt, wenn der Vergleich endet

Tanja Frei

von Tanja Frei

Story

Bevor ich Mama wurde, war ich eine sehr ambitionierte Sportlerin und dachte, dass das auch mit Baby möglich ist. Ich integriere es einfach. In den Alltag, ins Training, in die Arbeit. Ich organisiere mich, beisse durch, passe mich an und dann läuft es wieder. Vielleicht langsamer, vielleicht mit weniger Schlaf, aber grundsätzlich gleich. So wie ich es bei anderen sah.

Mein Körper spielte dabei eine Nebenrolle. Er erholte sich schnell und machte mit. Er war nicht das Problem. Das eigentliche Problem war der Vergleich. Der Vergleich mit den anderen. Online sah ich Frauen, die fünf Wochen nach der Geburt wieder joggten. Influencerinnen, die mehrmals pro Woche ins Fitness gingen, nebenbei arbeiteten. Sich fokussiert und energiegeladen zeigten. Mit Partnern an ihrer Seite, die übernahmen und ermöglichten. Diese Bilder schrien zwar nicht. Aber sie waren da. Sie erzeugten ein Ideal, das sich langsam in meinem Kopf festsetzte und an dem ich meine eigene Realität zu messen begann.

Im Sommer wurde ich krank und war ĂĽber viele Wochen hinweg kraftlos. Ich musste Arbeit und Sport stark reduzieren, um meiner Mama-Rolle noch gerecht zu werden. Und dann kippte im Herbst etwas. Nicht an einem bestimmten Tag. Es kam schleichend. Ich wurde mĂĽde. Gereizt. Unruhig. Und ich spĂĽrte: Wenn ich diesem Bild weiter nachlaufe, brenne ich aus.

Meine Situation ist anders. Ich habe zwei (seit neuestem drei) Tage, an denen meine Tochter betreut wird. Und diese Zeit ist wertvoll. Nicht selbstverständlich. Eine Zeit, in der vieles Platz haben muss: Arbeit. Organisation. Haushalt. Bewegung. Erholung.

Immer wieder muss(te) ich neu rechnen. Nicht nur die Zeit. Auch Energie und Verantwortung. Was passt wirklich in mein neues Leben? Wie viel Arbeit ist realistisch? Welche Form von Bewegung tut mir gut und welche entspricht meinem alten Leistungsbild? Wie sehr kann ich meinen Mann belasten, ohne dass wir uns als Paar verlieren? Wie unterstĂĽtze ich ihn?

Langsam löse ich mich von Lebensmodellen, die perfekt aussehen, aber nichts mit meinem Alltag zu tun haben. Anfangs fühlte sich das wie ein Rückschritt an. Ein Ausbremsen. Wie der Abschied von einem surrealen Bild. Heute weiss ich: Es ist kein Verzicht. Es ist eine Korrektur.

Ich komme dem Punkt, der sich stimmig anfühlt, immer näher. Nicht, weil alles aufgegangen ist, sondern weil ich aufgehört habe, mein Leben mit einem fremden Mass zu messen. Ich arbeite, weil ich es gerne tue. Ich bewege mich, weil es mir Kraft gibt. Ich bin Mutter und Ehefrau – das sind meine Herzensrollen. Manchmal bin ich müde. Aber meistens bin ich erfüllt.

Ich vereine nicht perfekt, aber bewusster. Und das ist meine wichtigste Erkenntnis: Das Leben nach einer Geburt beginnt nicht dort, wo ich wieder funktioniere wie vorher, sondern dort, wo ich Massstäbe verschiebe. Mein Leben ist nun anders. Anders, fragmentierter und intensiver. Anspruchsvoller auf eine neue Art. Anders, aber immer noch meins.

© Tanja Frei 2026-01-21

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Biografien
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Herausfordernd, Reflektierend
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