von Tanja Frei
Es gab Jahre, deren Ende ich sehnsüchtig herbeiwünschte, um neu zu starten. Seit Längerem spüre ich zum Jahresende jedoch, wie sich eine leise Nostalgie in mir ausbreitet, und blicke gerne zurück. Auf die schönen und auf die schwierigen Momente. Auf das, was mich geformt hat, und auf alles, was ich lernen durfte.
Dieses Jahr war für mich ein ganz besonderes. Mitte März bin ich Mama geworden. Mama eines mittlerweile neun Monate alten Mädchens. Ein kleiner, zarter Sonnenschein, der mir in so kurzer Zeit so viel gezeigt hat. So viel in mir heilt. Auslöst. Durcheinanderbringt. Zusammenfügt. Neu ordnet. Öffnet. Mir, die bis vor wenigen Jahren jede Träne herunterschluckte. Mir, die so lange stark blieb und kämpfte. Mir, die über etliche Therapiestunden hinweg endlich ihren weichen Kern fand. Mir, deren harte Schale mit der Geburt meines kleinen Mädchens endgültig aufbrach.
Danke, mein kleines Wunder. Danke, dass du mir zeigst, dass ich weich sein darf. Schwach. Dass ich um Hilfe bitten und Pause machen darf. Dass intensive GefĂĽhle mein Wesen ausmachen und okay sind. Dass ich mich anlehnen und auffangen lassen darf. Dass ich nicht alleine bin.
Danke, mein kleiner Schatz, denn auch wenn die Zeit, seit du da bist, gefĂĽhlt noch schneller rennt, gehe ich mit dir langsamer. Weil du keine Hektik magst. Wir halten inne. Saugen Momente auf. Wir zwei zusammen auf der Couch. Du sitzt auf meinem Bauch und strahlst mich an. Legst dich auf meine Brust und schliesst die Augen. Wir machen Pause.
Danke, mein kleiner Sonnenschein, dass du mir bewusst machst, dass gewisse Dinge jetzt gerade einfach nicht wichtig sind. Dass sie warten oder sogar vergessen gehen dĂĽrfen. Dass wir im Jetzt sind und es genau hier so viel zu entdecken gibt. Dass Langeweile interessant werden kann.
Danke, mein kleines Mädchen, dass du mich spiegelst. Dass du mich erkennen lässt, dass es nicht nur deine Stimmung ist, wenn du weinst oder unzufrieden bist. Dass es auch an mir liegt. An meiner Geschwindigkeit. An meiner Unausgeglichenheit. Und wenn wir uns dann hinlegen, lässt du mich durchatmen. Mit deinem kleinen Kopf auf meinem Herzen.
„Inwiefern hat mich das Muttersein in den letzten Monaten für dich verändert?“, habe ich meinen Mann vor Kurzem gefragt. Seine Antwort kam für mich ziemlich überraschend: „Ich finde, du bist lockerer geworden. Du bist jetzt irgendwie noch mehr du. Und ich habe das Gefühl, du bist angekommen.“ Mit Tränen in den Augen habe ich ihn gefragt: „Du glaubst, ich bin angekommen?“ „Ja, du wirkst nicht mehr so rastlos. Du kannst auch einfach mal sein. Ich habe das Gefühl, du warst noch nie so einverstanden mit dem Leben“, erwidert er.
Und irgendwie hat er Recht. Ich möchte nirgendwo anders sein. Auch wenn ich spüre, dass die Suche irgendwann weitergehen und die Rastlosigkeit zurückkehren wird. Denn auch dann wirst du mir wieder zeigen, worauf es wirklich ankommt.
© Tanja Frei 2025-12-19