von Jasmin Stahl
Seit zwei Jahren wohne ich nun mit Jay in unserer Bude im zweiten Stock. Jay lerne ich, wie jeden anderen, im Park kennen. Er und ich beziehen den zweiten Stock der M5. Er mutiert schnell vom lustigen Skaterpunk zum SpieĂer. Unser Klo ist immer verstopft; bei Partys wird in die Wanne gekotzt. Der Anblick der Badewanne ist unbezahlbar. Dann wird mein Fenster als Kotzstation benutzt. Von Tortenschlachten im Treppenhaus ĂŒber geheime Schmieraktionen von auĂen an Elas Fenster bis zu PolizeieinsĂ€tzen machen wir alles mit. Aus dem KĂŒchenfenster schmeiĂen wir meinen alten Röhrenfernseher direkt in den Hinterhof. Implosion. FĂŒr uns ist der Hof ein Resort, fĂŒr die Nachbarn ein Schandfleck. Die BriefkĂ€sten in unserem Haus sind durchgebogen; keiner braucht sie. Wir sprengen sie mit âLa Bombasâ weg. RegelmĂ€Ăige GewaltausbrĂŒche mancher Besucher verzieren das Haus mit Blutspritzern. Wenn der Vermieter, der Schweineborstenmann, kommt, sind wir alle bereit: Er klingelt. Musik aus, keine Bewegung. Niemand möchte etwas mit ihm zu tun haben. In der Zwischenzeit klaut er uns die PfandkĂ€sten aus dem Hinterhof.
Karsten chillt immer noch im Knast wegen seiner Tankstellengeschichte, und Bummel nimmt seinen Platz im Erdgeschoss bei Zwirni ein. Im dritten Stock wechseln die Bewohner so schnell, wie sich ein Karussell drehen kann. Zuerst wohnt Marco dort, mit dem ich noch kurz zusammen bin. Doch Marco ist ein Arschloch. Er fickt alles und jeden, kennt das Wort Treue nicht und wartet nur darauf, den nĂ€chsten Schuss abzugeben. Auf gute Freunde scheiĂt er, denn sein Ego ist stĂ€rker als Ehrlichkeit. Und die normalsterblichen Leute der Stadt hier? Sie folgen ihrem monotonen Alltagstrott. Von Montag bis Freitag steht dieselbe Leier an: Arbeit. Am Wochenende ziehen sich die Sterblichen zurĂŒck, weil der Montag schon wieder lauert. Das ist der Kreislauf der Langeweile. Die AltstadtcafĂ©s sind voll von SchlafmĂŒtzen, die um die Wette gĂ€hnen. Mein Film ist ein anderer. Nach dem Ausschlafen positioniere ich die Bong an meinen Mund und betrachte die eintönige StraĂe von meinem Fenster aus. Mein Blick liegt direkt auf den NachbarhĂ€usern. Kein Horizont in Sicht. FrĂŒher oder spĂ€ter bekommt jeder von uns die erfrischende Nachricht einer Kindergeld- oder Hartz IV-RĂŒckzahlung. Bummel, Zwirni und der Rest sind Meister darin, das Geld an einem Wochenende zu verpulvern. Es flieĂt in Bier, Schnaps, Stoff, Kiffen, PlayStation und Co. Nun bin auch ich dran: Kindergeld, das sich wĂ€hrend meiner Therapiezeit ansammelte. Mein Heim hat es fĂŒr mich aufbewahrt. âWas soll ich damit tun?â, ĂŒberlege ich gut. Zwei Optionen: Ein Wochenende wie die Jungs verbringen oder mir einen FĂŒhrerschein und eine TĂ€towiermaschine gönnen. Ich entscheide mich fĂŒr Letzteres. âEy, warum nicht jetzt einen kiffen? Du hast ja nichts zu verlieren!â Jimmy ĂŒberredet mich, bevor ich meine Fahrstunde absolvieren soll, seine gute Mary Jane zu rauchen. High, kurz innehalten und dann resigniert Richtung Fahrlehrer schleichen. Er wartet um die Ecke mit seinem Auto. Die Stadt ist wie ausgestorben, nicht viel los, wie immer. Doch das Auto will einfach nicht anspringen. âRuhe bewahren, Gang einlegenâ, sagt der Fahrlehrer. âMensch, bin ich vergesslichâ, kratze ich mir am Kopf.
© Jasmin Stahl 2024-07-01