Wenn Nähe nicht reicht

Tanja Frei

von Tanja Frei

Story

Ich sitze in Cafés und arbeite. Um mich herum Gelächter, Gespräche, ein Kommen und Gehen. Ich treffe Freundinnen, spreche mit meinem Mann über unseren Alltag, lache beim Abendessen über die Geräusche und Mimiken unserer kleinen Tochter. Ich besuche meine Eltern, bekomme Einblick in deren Leben. Ich liege mit meiner Tochter auf dem Wohnzimmerboden, lasse sie auf mir herumklettern, schaue ihr beim Spielen zu. Ich bin mitten im Leben. Und fühle mich trotzdem manchmal allein. Nicht immer. Nicht dauerhaft. Aber immer wieder. Und egal, wie viel Nähe, Bewegung und Alltag ich mir schaffe, dieses Gefühl taucht auf. Schwer. Eng. Traurig. Ängstlich. Lähmend. So fühlt sie sich an, meine Einsamkeit. Ein Gefühl, das ich erst durchs Mama-Werden kennengelernt habe.

Kurz nach der Geburt zeigte es sich zum ersten Mal. Jedes Mal, wenn mein Mann in den ersten Wochen das Haus verliess, wurde es eng in mir. Und ich wartete sehnsüchtig auf seine Rückkehr. Mit seinem Arbeitsstart wurde es noch schwieriger. Ich allein zuhause. Verantwortlich für dieses kleine Wesen. Ich ging spazieren, auf Playdates, ins Familienzentrum, suchte Unterstützung. Tat alles, um die einsamen Stunden zu verkürzen. Dann kamen die ersten Ferien und mit ihnen natürlich der nächste Arbeitsbeginn. Der erste Abend allein mit meiner Tochter brachte mich an meine Grenzen. Ich wusste nicht, wann ich selbst zur Ruhe kommen würde. In der ersten Nacht, die ich alleine stemmte, schlief sie irgendwann, ich aber kaum. Woche für Woche Abende, die ich alleine meisterte. Weitere Nächte nur sie und ich. Und immer wieder dieser Gedanke: Ich will das nicht alleine machen. Phasen über Phasen.

Und es wird immer wieder ruhiger, bis die nächste Phase kommt. Und diese beginnt genau jetzt. Für einige Monate verbringe ich zwei Abende pro Woche allein mit meiner Tochter. Die Einsamkeit meldete sich früh zurück. Schon vor dem allerersten Abend. Doch diesmal will ich anders damit umgehen. Ich will nicht kämpfen, nicht flüchten, nicht verdrängen. Ich will ihr Raum geben. Sie anschauen. Aushalten. Sie fühlt sich schwer an, aber ich weiss: Es ist ein Gefühl. Kein Zustand für immer. Und mitten im Fühlen freue ich mich auf die Zukunft mit meinem kleinen Mädchen. Auf eine leichtere Zeit. Geprägt von Nähe, Gemeinsamkeit und Vertrauen.

Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich, warum so selten darüber gesprochen wird. Über postpartale Angst. Über dieses tiefe Gefühl des Alleinseins nach der Geburt. Über ein Nervensystem, das in einer fordernden Phase nach Sicherheit sucht. Ich bin Mama. Ich trage Verantwortung für ein abhängiges Wesen und bin zeitweise allein. Mein Körper ist noch nicht wieder im Gleichgewicht. Und Sicherheit wird plötzlich stark an andere Erwachsene gekoppelt. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Schutz. Weil mein System gelernt hat: Gemeinsam ist leichter. Allein ist Alarm. Vielleicht braucht es genau dafür mehr Worte. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Raum. Damit sich weniger Mütter fragen müssen, was mit ihnen nicht stimmt, obwohl sie mitten im Leben stehen. Und vielleicht wird aus Einsamkeit irgendwann Vertrautheit.*

*(u. a. WHO; American Psychological Association; Bindungstheorie nach Bowlby).

© Tanja Frei 2026-01-28

Genres
Biografien
Stimmung
Herausfordernd, Emotional, Hoffnungsvoll, Reflektierend, Challenging
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