Wer ist hier der Chef?

Oliver Fahn

von Oliver Fahn

Story

Deine Leistungskurve beschreibt einen Sturzflug. Dein Chef hat dich im Sitzkreis mit den Teamkollegen zum Wasserträger abqualifiziert. Seine Worte gleiten an dir vorbei, sie tropfen an dir ab, als beträfen sie deinen Nebenmann. Musste der Renault vor deiner Garage die Bewegungsfähigkeit deines Fords ausgerechnet vor dem Meeting außer Kraft setzen? Wegen ihm bist du raus. Diese ausnahmsweise nicht von dir fabrizierte Verspätung war der letzte erforderliche Tropfen, um das Fass der Toleranz zu überfüllen. Dein Chef verkündet vor gesammelter Belegschaft deine Ausmusterung. Das Entlassungsschreiben flattert in den nächsten Wochen in deinen amerikanischen Briefkasten. Bis sein roter Arm wegen dem Eingang des Dokuments winkt, bist du freigestellt. Mit welchem Brustton der Selbstherrlichkeit dein Chef dir das sagt!

Die Rolle des Geschlagenen ist dir auf den Leib geschneidert. Deine eigenmächtig verschusselten Termine haben deinen Rausschmiss vorbereitet, der Einparker hat ihn lediglich eingetütet. Du, der ewige Prokrastinierer, dem die Verzögerung ein Leitmotiv all seiner Handlungen ist, dir muss es nun gelingen, dein ständiges Versagen zu externalisieren.

Wie du dein Lenkrad drehtest und wendetest, aus den Fängen des Renault konntest du dich nicht herauswinden. Du schnupperst den Duft einer Guillotine, dein Schweiß riecht nach Unvermögen. Nachdem dich dein Chef der Tretmühle deiner Beschäftigung fristlos enthoben hat, darfst du dir hinter vorgehaltener Hand eingestehen: Der eigentliche Grund, weshalb die Last von deinen Schultern herunterpurzelt, sei auf deinem eigenen Mist gewachsen.

Wie sehr hast du diesem Knick in deiner Arbeitsbiografie entgegengefiebert und bejahst deinen jetzigen, wenn auch roh vorgetragenen Rauswurf! Du wirst heimfahren, dir einen Tee kochen, mit dem exakt 70 Grad heißen, vom Beutel getränkten Wasser vor deiner Frau sitzen und zu ihr sagen: Schatz, an mir liegt es nicht. Du hast ja gesehen, wie unmöglich ich aus unserer Hofeinfahrt herauskommen konnte. Protestieren. Natürlich, das wird sie. Und mit Binsenweisheiten wird sie daherkommen, laue Sprüche bemühen: Den Gürtel müssen wir fortan enger schnallen, das wird einer davon sein. Vom Anbeginn eurer Beziehung bist du nie über den Status Kind hinausgekommen. Nun wird deine Behandlung als ein solches ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen.

Dann ein Stundenschlag! Was gibst du für ein Vorbild ab? Umkreist von Mitarbeitern bist du eingenickt. Deine Frechdachse daheim rauben dir jeglichen Schlaf. Musst du dir das Lächeln deines Untergebenen Seibold mitten in der Sitzung gefallen lassen? Wissen deine Kollegen von der Krone, die ihr Chef am gestrigen Geburtstag seines dreijährigen Sohnes getragen hat? Du hast dösend in dich reingemurmelt. Du willst keinesfalls erfahren, was du vor dich hingeredet hast, denn noch ist deine Hoffnung unverbrüchlich, es handle sich um etwas anderes als das, was du soeben träumtest.

© Oliver Fahn 2022-06-23

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