White Horse

Carmen Diego

von Carmen Diego

Story
Wien 2025

Sie rennt hinaus und knallt die Glastür hinter sich zu. Unaufhörlich fallen Regentropfen auf ihren Körper, doch sie scheint es nicht zu bemerken. Das Wasser des Regens vermischt sich mit dem ihrer Tränen. Er rennt ihr hinterher und zwängt sich gerade noch durch die zuschwingende Tür. Schnell holt er sie ein. Seine sonst so blonden Haare haben durch die Nässe die Farbe von Sandkörnern auf Haselnüssen. Er greift nach ihrem Arm, doch sie schüttelt ihn grob ab und stolpert hastig weiter. Ihre Schuhe verheddern sich mit ihrem langen Kleid und sie kann sich gerade noch auffangen. Der verhinderte Sturz macht sie noch wütender. „Geh weg“, schluchzt sie über ihre Schulter. Er schüttelt entschieden den Kopf und greift nach ihrer Hand. Sie wehrt sich, doch er lässt nicht los. Erschöpft gibt sie auf, doch sie dreht sich nicht um. „Was ist los, komm schon, sprich mit mir, bitte“, ruft er. Ihr ganzer Körper zittert. Mit aller Kraft reißt sie sich los und geht weiter. Frustriert fährt er sich durch die Haare. „Bitte sprich mit mir, ich kann es wiedergutmachen“, fleht er. Sie verlangsamt ihre Schritte. „Ich habe gehört, was du zu deinen Freunden gesagt hast“, flüstert sie. „Sie ist mir nicht so wichtig, wie ihr denkt, Leute, ist doch nur so ein Spaß mit ihr, kein Stress“, äfft sie ihn nach und unterdrückt einen Schluchzer. Seine Augen weiten sich erschrocken und er flucht unterdrückt. Als er etwas sagen will, unterbricht sie ihn:„ Ich wusste, etwas muss beim Schulball passieren, irgendein Drama, ich habe Wetten mit meinen Freunden abgeschlossen, was passieren wird. Ich hätte nie gedacht, dass mich das Drama betreffen wird.“ Immer noch dreht sie sich nicht um. Sie kann nicht. Zwischen ihnen ist ein großer Abstand entstanden. Der Regen fällt nun stärker. Ihre kurzen, hellbraunen Haare kleben ihr nass im Nacken. „Lass es mich erklären“, beginnt er. Trotzig schüttelt sie den Kopf. Ihre Hände bilden Fäuste, um ihre Verzweiflung im Gleichgewicht zu halten. „Meine Freunde haben sich über mich lustig gemacht, dass ich in einer Beziehung bin, deshalb…“, stottert er. Sie lacht freudlos und schnaubt:„ Du schämst dich für mich?“ Er schüttelt den Kopf und sucht nach Worten. Schließlich platzt es aus ihm heraus:„Es tut mir so leid Agnes, ich weiß nicht, was ich da gelabert habe, bitte, bitte verzeih mir. Ich…Ich liebe dich.“ Sie dreht sich schwungvoll um und nähert sich ihm vorsichtig. „Was hast du gerade gesagt?“, zischt sie. Er schenkt ihr ein schüchternes Lächeln und wispert:„Ich glaube, ich liebe dich.“ Erneut lacht sie auf. „Glaubst du wirklich, nur weil du endlich diese drei Worte sagst, ist alles wieder gut? Du glaubst, du liebst mich, nachdem wir eineinhalb Jahre zusammen sind. Du verdienst es nicht, mir so etwas zu sagen, denn ich habe dich geliebt, noch bevor du wusstest, dass ich existiere. Ich wusste, ich liebe dich und ich war so froh, auch nur deine Stimme zu hören. Jedes Mal, wenn du gelacht hast, habe ich mitgelacht, auch wenn ich es nicht einmal lustig fand, obwohl ich nicht einmal wusste, um was es ging, einfach nur, um mit dir zu lachen. Wenn mich dein Blick auf nur ganz kurz gestreift hat, war ich hin und weg. Ich hab mich in dir verloren. Du verdienst mich nicht“, ihre Stimme bricht und sie schlägt sich die Hand vor den Mund. Weinend rennt sie an ihm vorbei und drängt ihn aus dem Weg. Eilig rennt sie zurück ins Gebäude und mischt sich unter die Tanzenden. Das Lied „White horse“ von Taylor Swift erklingt und sie tanzt sich frei. Frei von ihm.

© Carmen Diego 2025-09-06

Buchkategorie
Romane & Erzählungen
Stimmung
Emotional, Traurig, Angespannt
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