Wichtige Tätigkeiten

Sepp Wejwar

von Sepp Wejwar

Story

Er sitzt an der Hafenmole von Las Puntas und führt parallel eine Reihe von wichtigen Tätigkeiten aus. Erstens: Zwei schreiend-lachende Buben beim Fangerlspiel beobachten. Dabei schließt er mit sich selbst Wetten ab, welcher von den Beiden zuerst mehr Lust auf ein Stück Schokolade kriegt, und deshalb den Spielkameraden im Stich lässt – ohne Gejagten gibt es keinen Jäger, und verkehrt.

Zweitens: Einige, nach Lachen klingende Schreie ausstoßende, Möwen bei ihren Fischzügen im Hafenbecken mit neidvollen Blicken verfolgen.

Drittens: Ein sich entfernendes Boot, solange es ihm sichtbar bleibt, dem Horizont entgegenstreben sehen. Er kann es nicht hören und nicht festhalten.

Viertens: Herausfinden, welcher Algorithmus hinter den unterschiedlichen Höhen der heranrollenden Wellen steckt. Er zählt, verliert die Zahl wieder. Weil er ein richtiger Mann ist und also schlecht im gleichzeitigen Ausführen unterschiedlicher Tätigkeiten. Also beginnt er wieder zu zählen. Bald verwirft er diesen Plan, weil er erkennt, dass er ähnlich erfolgversprechend ist, wie die rasche Findung eines gewinnbringenden Systems für das Roulette.

Das Roulette erscheint ihm jedoch als brauchbare Metapher für alles, was er hier anfängt und, ganz allgemein für seine Zukunft. In sein Hirn dringt das Lied „Rouge ou noir“ von Reinhard Mey. Den hatte er schon in seiner Jugendzeit geschätzt, was er aber seinen Genossen gegenüber nicht zugeben konnte, weil die ihn sonst aus dem Led Zeppelin-Deep Purple-Jimi Hendrix Bund ausgeschlossen hätten. (Sein Faible für Jethro Tull wurde dort gerade noch toleriert). Und Musik war immer schon sein Einundalles.

Zurück also zu den Möwen am Riff, deren Lachen an jenes Geräusch erinnert, welches dem Song Whole Lotta Love vorausgeht, dem Jahrtausend-Riff, das Jimmy Page aus seiner Gibson (Unfassbar, dass dieser Kultgitarrenbauer 2018 Insolvenz anmelden hatte müssen!) herausgeklopft hat.

Die viel zu teuren Kopfhörer bleiben dennoch im mit der Friedensrune bekritzelten olivgrünen Army-Beutel. (Diesem uralten Stilbruch ist er treu geblieben, bis auf seine alten Tage). Nein, er will nur die Musik der Bucht von Las Puntas, das schreiende Lachen der Buben und Möwen und dazu den Kontrapunkt rollender, schäumender Wellen. Wenn ihn all das richtig durstig gemacht hat, geht er die siebenundvierzigeinhalb Schritte hinüber zu Gariñones, und lässt sich eine Flasche Tinto bringen.

___Foto: Sepp Wejwar

© Sepp Wejwar 2021-06-10

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