von Tanja Frei
Was bedeutet es eigentlich, in einer Partnerschaft frei zu bleiben? Können wir uns auf eine Liebesbeziehung mit all ihren Kompromissen einlassen, ohne das Gefühl der Freiheit zu verlieren? Mit all den gemeinsamen Unternehmungen, den familiären Verpflichtungen, den Urlaubsplänen? Können wir einander zuhören, uns dem anderen immer wieder öffnen? Uns verletzlich und ungeschützt zeigen, ganz und gar wahrhaftig? Gemeinsam eine Zukunft ausmalen, verschmelzen, eins werden und doch so sehr bei uns bleiben, dass wir sagen können: Diesen Weg gehen wir zu zweit, aber keiner von uns verliert sich dabei. Wir werden eins und bleiben doch zwei. Jeder ist so, wie er ist, und kümmert sich um sich selbst genauso wie um den anderen. Funktioniert das?
Können wir in einer Partnerschaft leben, eine Wohnung teilen, ein gemeinsames Leben führen und trotzdem unsere eigenen Ziele verfolgen? Unsere Ideen und Wünsche leben? Unseren Visionen folgen und immer wieder nach Hause kommen? Zu dem Menschen, der unser Zuhause ist? Können wir allein aufbrechen, vielleicht auf Reisen gehen und das tun, was wir für uns allein tun müssen, was wir tief in uns spüren? Dieser Sehnsucht nachgeben? Das leben, was uns unsere Intuition täglich aus unserem tiefsten Inneren zuruft? Geht das, ohne den anderen zu verlieren? Ohne zu erwarten, dass der andere uns folgt? Dass er alles stehen und liegen lässt, was er gerade tut? Wie viel Freiheit verträgt eine Beziehung? Wie viel Individualität? Freigeistigkeit?
Marie Luise Ritter bringt es in ihrem Buch „Vom Glück, allein zu sein“ richtig schön auf den Punkt: „Allein schaffe ich viel mehr, bin konzentrierter und produktiver. Ich bin besser im Ichsein, wenn ich allein bin. Im früh Aufstehen, motiviert Sein, Schreiben. Ich bin zu wenig Ich, wenn ich mit einem anderen Ich konfrontiert bin. […] Vielleicht ist das meine nächste Aufgabe, die, an der ich in der Vergangenheit gescheitert bin. Mich im Zuzweitsein nicht verlieren, sondern mich darin in einer ausgewogenen Balance zu navigieren. Mich selbst zu priorisieren.“
Ich bin überzeugt, dass jede Beziehung von Grund auf kreiert werden kann. Wie ein Text oder eine Zeichnung. Zwei Menschen, die gemeinsam entscheiden, was geht und was nicht. Zwei Menschen, die Freiheit auf ihre eigene Arrt und Weise definieren, nach ihren eigenen Vorstellungen. Grenzen setzen oder öffnen. Bewusst zu zweit sind und umso bewusster manchmal allein. Leben, was sie leben müssen, was sie fühlen, brauchen, wollen. Allein können wir sein, wer wir sein wollen, uns immer wieder neu erfinden. Und solange wir uns einander immer wieder bewusst öffnen, uns mitteilen, den anderen sehen, können wir auch zu zweit sein, kann eine Beziehung genau so sein, wie wir sie uns wünschen.
© Tanja Frei 2024-06-10