Wie ich Jolene loswurde

Eisverkäuferin

von Eisverkäuferin

Story

Ich komme in die Bank und sehe sie schon beim Eintreten, sie steht nicht am Tresen, sie sitzt in einem Raum aus Glas, wie ein Raubtier im Käfig. Ein gefährliches Raubtier, zumindest für mich.

Ich habe mir vorgenommen, gleich zur Sache zu kommen. „Jolene”, sage ich, als wir uns gegenübersitzen, „ich möchte keinen Sparplan und keine Anschubfinanzierung. Ich bin Michaels Frau. Und ich möchte das nur einmal sagen: Bitte lassen Sie meinen Mann in Ruhe. Wir sind seit zwanzig Jahren verheiratet, und ich habe nur diesen einen Lebensentwurf. Nehmen Sie ihn mir nicht weg.”

Jolene sieht aus wie eine gefotoshoppte Prinzessin, mit wallendem, honiggelben Haar und elfenbeinfarbener Haut. Wie Sommer und Frühling, frisch und reif zugleich. Ihre Augen leuchten, ein Leuchten, das Solidarität verspricht, aber den Mund verzieht sie nicht. Diese Frau lächelt nie. Frauen, die nicht lächeln, gehört die Welt.

„Es ist nicht meine Entscheidung, was Michael tut”, sagt Jolene. „Michael tut, was er will. Er ist ein erwachsener Mann. ”

Mein zahmes Ich ist bereit, ihr zuzustimmen, das Narrativ vom freien Willen ungeprüft zu unterschreiben. Aber sie sitzt vor mir, und ich spüre, dass sie es darauf anlegt, wie Frühling und Sommer zu sein, dass ihr Selbstwertgefühl auf Macht basiert, dass das ihr Lebensentwurf ist. Vermutlich schläft sie mit allen Männern aus dem Kollegium.

„Sie könnten aufhören, mit ihm zu schlafen. Sie könnten mit Zlatan oder Hans schlafen. Mit Hans, der ist nämlich nicht verheiratet.“

Jolene schiebt den Stuhl zurück und erhebt sich zu voller Blüte, wie eine Blume im Zeitraffer. „Michael und ich“, sagt sie, „befreien einander. Er befreit mich von mir selbst, und ich befreie ihn von Ihnen, für ein paar Stunden. Es ist temporär, es ist Sex, mehr ist es nicht.“

„Weiß er, dass Sie so denken?“, frage ich. „Ich glaube nämlich, das weiß er nicht.“

Sie hebt die Augenbrauen, diese wunderbar geschwungenen Tore zu einer smaragdgrünen Welt.

„Nachts ruft er Ihren Namen, Jolene. Schlafwandelt durch die Wohnung, auf der Suche nach Ihnen. Es würde mich nicht wundern, wenn er bald Ihren Namen mit roter Farbe auf diese schöne Scheibe da sprüht.“

Ich deute auf das Schaufenster der Bank, das große, altehrwürdige Schaufenster einer großen, altehrwürdigen Bank. Dann hole ich noch mal Luft: “Er wollte immer Kinder, Jolene. Ich konnte keine bekommen. Vielleicht hängt er deshalb so an Ihnen: Sie sind die junge Frau mit den Genen aus Gold, mit der er sich doch noch reproduzieren kann.”

Das ist gelogen, Michael und ich haben zwei Kinder. Ich fahre also volles Risiko, indem ich davon ausgehe, dass Jolene das nicht weiß. An Jolenes Blick sehe ich, dass ich richtig liege. Das Raubtier knirscht mit den Zähnen. Ich erhebe mich und verlasse ruhig seinen Käfig. Frauen, die keine Kinder haben, gehört die Bank. Und Jolene, da bin ich mir sicher, wird sich ohne Umschweife für die Bank entscheiden.

Song: Jolene, von Dolly Parton

© Eisverkäuferin 2021-04-17

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