Wie man (k)ein Gespräch beginnt

von Kreative-Schreibwelt

Bob war kein Freund spontaner Entscheidungen.

Spontane Entscheidungen hatten ihn bereits dazu gebracht, einmal Hafermilch zu bestellen, obwohl er sie nicht mochte, nur weil die Barista dabei so überzeugend genickt hatte.

Deshalb hatte er Chloes Anwesenheit in Kapitel & Koffein sorgfältig analysiert.

Seit einer Woche saß sie jeden Nachmittag am Fensterplatz, trank schwarzen Tee und las Bücher mit Titeln, die Bob zwar verstand, aber niemals freiwillig in der Öffentlichkeit gelesen hätte.

Heute wollte er sie ansprechen. Er hatte sogar einen Satz vorbereitet. Etwas Unaufdringliches. Intelligentes. Eindrucksvolles.

Natürlich vergaß er ihn in dem Moment, als Chloe aufsah. Sie hatte diesen Blick, der wirkte, als würde sie Menschen in literarische Genres einteilen und Bob wäre eindeutig in der Kategorie »tragischer Nebencharakter mit schlechter Frisur« gelandet. Trotzdem ging er zu dem Regal neben ihrem Tisch. Der Plan war simpel. Ein interessantes Buch greifen, es beiläufig empfehlen, Gespräch beginnen. Elegant. Souverän. Fast schon filmreif.

Bob griff ins Regal, zog ein Buch heraus, drehte sich zu Chloe und sagte: »Ich dachte, das könnte dich interessieren.«

Chloe sah auf das Buch.

Bob folgte ihrem Blick. »Zwischen den Laken: 77 sichere Wege zum Erfolg«

Für einen kurzen Moment war die Welt still.

»Oh«, sagte Bob. Es war nicht sein stärkster Gesprächseinstieg. »Das war nicht absichtlich.«

Chloe hob eine Augenbraue. »Natürlich.«

»Ich wollte eigentlich etwas Anspruchsvolleres nehmen.«

»Schade«, meinte sie und neigte ihren Kopf zur Seite. »Ich hatte gehofft, du wärst einfach ungewöhnlich direkt.«

Bob spürte, wie sämtliche lebenswichtigen Organe beschlossen, ihre Arbeit einzustellen.

Dann bemerkte er, dass Chloe lächelte. Nur ein wenig. Aber wenigstens etwas.

Sie zeigte auf den freien Stuhl neben sich. »Setz dich.«

Bob blinzelte. »Warum?«

»Jetzt will ich wissen, welches anspruchsvolle Buch du stattdessen ausgesucht hättest.«

Er setzte sich langsam. Sein Blick fiel noch einmal auf das Buch in seiner Hand.

Für ein Gespräch, das mit einer sozialen Katastrophe begonnen hatte, entwickelte sich die Sache überraschend solide.

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