von Alexander Riedl
Es ging, mein Bruder, mit Dir, zu mir. Steil aufwärts, aus der Stadt heraus, stiegen wir mit dem Heißluftballon gen Himmel. Vorbei an Weinreben, den uns gut Bekannten, gingen wir nun einmal noch auf Jakobs Spuren. Hier herrschte Heimatstimmung. Da mein Bruder,schau nur die vielen Stare vor uns! Ihre immer neuen Formen, zu denen sie sich sammeln, auflösen, wieder sammeln. Erst bilden sie ein großes Dreieck, jetzt wird es in zwei geteilt, sechskantiger Ball der uns vor Augen in der Hitze flimmert. Unser Rucksack, schwer, liegt vorne an der Kreuzung. Siehst Du die Schleife, die gelbe Blume die ihm angebunden ist? Ich trug sie den ganzen Weg mit mir, weil ich weiß, dass sie einst um Deinen Arm gewickelt war. Im Gleichschritt gingen wir durch die Rebzeilen, Stufe um Stufe, zum Waldrand. Da waren Obstgärten, wilde Äpfel hingen über den Zaun. Fast hätten wir sie fassen können, berührten sie schon mit unseren Fingerspitzen, aber wir pflückten sie nicht, sie waren noch nicht reif. Die Winzer an der Arbeit, wir zogen an ihnen vorbei.
Die menschlichen Weinreben, die schwirrenden Vögel in den Lüften, am Boden wir die Pilgerbrüder. Wir hielten vor einem Haus an, ein Vater gab uns Wasser, schickte uns hinunter zum Fluss. Wir folgten seiner Weisung, liefen über die Brücke hinüber, ans stille Ufer, trieben mit dem Strom. Für einige Zeit fühlten wir uns ganz sicher. Wir kamen gut und leicht voran, bis zu Sonnenuntergang. Da fanden wir ein Schild. Es gab uns die Distanz an: 28 Kilometer bis zum nächsten Ort. Das sei nicht realistisch, sagst Du? Doch, das ist machbar. Du hast mich festgehalten, aber ich lass mich nicht zurückhalten. Obwohl ich wusste, dass Du recht hast, ließ ich mich auffordern zum Lauf, rannte den Berg hinauf, gegen den Verkehr. Es tut mir leid, mein Bruder, ich wollte Dich nicht beim Fluss zurücklassen, ich musste weiter, es musste weitergehen mit mir. Ich fuhr wie ein Schnellzug da hinauf, hatte keine Macht mehr über ihn, es ging mit mir durch, ich verlor die Kontrolle. In einem Ort, unter der einzigen Straßenlaterne, brach ich zusammen. Da, wo ich glaubte ein Zimmer zu finden, wies man mich hinaus. Nirgends gab es Platz. Dunkelheit und Kälte, Abgeschiedenheit. Da kam Dein rettender Ruf. Du hast weiter unten eine Bleibe für uns gefunden, Bruder. Ein kleines Haus, das wir als Familie bewohnten. Da waren unsere Eltern, die uns erwartet hatten. Wir kochten und aßen gemeinsam zu Abend. Weißt Du wie das war? Wir saßen beisammen am Holztisch, im Wohnzimmer. Unsere Gesichter flammten im Kerzenlicht auf. Wir schliefen Seite an Seite, mein Bruder, einen seligen Schlaf.
© Alexander Riedl 2022-08-29