Wiener Herz

SusiBock

von SusiBock

Story

Es ist Montag Abend, 2. November 2020, gegen 20.20 Uhr, meine Cousine aus Italien schreibt mir ein WhatsApp: “Ich habe grade Van der Bellen gesehen.” Ich denke, warum schreibt sie mir das, und schicke ein “Ich nicht!” mit einem blöden Grinser zurück. Es vergeht noch eine weitere halbe Stunde, bis ich den Fernseher einschalte – sehe, höre und dann begreife, was sich da gerade in der Wiener Innenstadt abspielt (dass es sich eigentlich bereits abgespielt hat und der Angreifer tot ist, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht). Ich bin fassungslos, zwar sicher zuhause, in sicherer Entfernung zum Tatort, aber allein, denn Mann und Hund sind für einige Tage in ihrer kleinen Freiheit.

Normalerweise genieße ich meine kleine Auszeit, in der ich mich ausschließlich auf mich und mein Tun konzentrieren kann, auch wenn das oft “Arbeit” bedeutet, wie Putzen, Waschen, Bügeln, aber natürlich auch, was ich gerne mache: Zeit mit meiner Mutter verbringen, Papa am Zentralfriedhof und bei seinem Baum im Volksgarten besuchen, mit meiner Freundin in Linz telefonieren, stricken, lesen, fernschauen, Wein trinken u.v.m.

Doch an diesem Abend packen mich völlig irrationale Ängste, ich verfolge die Berichterstattung bis weit nach Mitternacht, bin hundsmüde, kann trotzdem nicht schlafen. Warum, um Gottes Willen, habe ICH Angst? Kilometerweit vom Geschehen entfernt. Zuhause, mit fest versperrter Tür. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sich eine der nun geschlossenen Moscheen, in der sich der Täter radikalisiert haben soll, ganz in der Nähe unserer Wohnung befindet. Egal.

Vielleicht war es das Gefühl, dass etwas Schreckliches in unserer Stadt passiert, in dem Bezirk, in dem ich seit mehr als 30 Jahren arbeite, und jede Ecke, jeden Winkel dort kenne und als meine Ecke, meinen Winkel betrachte. Gepaart mit den Appellen des Innenministers, der Angriff sei noch nicht vorbei, man möge zuhause bleiben, und wenn man unterwegs sei, bitte jedenfalls die Innenstadt meiden. Die Meldung der sechs vermutlichen Tatorte, vom Schwedenplatz bis zum Graben, das ist ein schönes Stück weit, man wisse nicht, wie viele Täter es sind – wo sind die bitte hin, wenn sie nur einen erwischt haben?

Ich sitze also zuhause, in meinem sicheren Heim, in einer Gegend, wo maximal ein Listenhund ohne Beißkorb eine Gefahr darstellen könnte (aber nicht tut, weil die hier alle sehr brav sind – Hunde & Besitzer ;-) und habe ANGST. Wie schlimm müssen sich all jene gefühlt haben, die den Terror hautnah, am eigenen Leib erlebt haben. Die gestorben sind, die verletzt wurden, die Stunden der Angst, in Panik, irgendwo versteckt, verbracht haben, die geholfen haben. Ich weiß es nicht, aber ich wünsche ihnen von ganzem Herzen die Stärke, mit dem Erlebten klarzukommen, und die Menschenliebe weiterhin in ihrem (goldenen) Wiener Herz zu spüren.

© SusiBock 2020-11-08

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