Wir sind.

Parthena Intze

von Parthena Intze

Story
Zuerich 2024

Als kleines Mädchen lag ich oft in meinem Zimmer und starte an die Decke, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Beine übereinandergeschlagen, der obere Fuß leicht wippend. Getragen von einer leisen Stimme geisterte dieser eine Satz in einer Endlosschleife durch meinen Kopf: „Wer bin ich?“ „Wer bin ich?“ „Wer bin ich?“… Es vergangen Minuten, manchmal sogar Stunden, in denen ich im Schweif dieser Frage fast regungslos und mit geschlossenen Augen durch Galaxien aus Farben, Glitzer, Sternen und Feuerwerk flog. Die Stimme wurde mit jeder Wiederholung leiser, und je mehr sie an Kraft verlor, desto schwereloser fühlte ich mich. Im Laufe der Jahre ging sie im Lärm meiner irdischen Realität und des Erwachsenenlebens unter. Je krampfhafter ich versuchte, diesen Moment der Schwerelosigkeit zu rekonstruieren, desto seltener gelang es mir, egal wie sehr ich mich nach ihm sehnte. Bis vor kurzem, als er seinen Weg und seine Magie wieder zurück zu mir fand, plötzlich und unerwartet.

Mein sechsjähriger Neffe Niklas fläzte sich seiner unangestrengten Natürlichkeit auf dem Sitzsack in seiner Leseecke, die drahtigen Ärmchen zu einer Raute hinter dem Kopf verschränkt, die langen Beinchen übereinandergeschlagen, der obere Fuß gemütlich hin und her wippend. Es war einer dieser erwachsenen, tiefen Momente, die unsere Verbindung so einzigartig machen. „Nuniii“, sagte er, „weißt du, manchmal frage ich mich, wer ich bin. So, „wer bin ich?“, „wer bin ich?“, „wer bin ich?“ … immer und immer und immer wieder, weißt du, wie ich meine?“ Da war sie wieder, die Galaxie aus Farben, Glitzer, Sternen und Feuerwerk! Sie füllte den Raum, und in der Sicherheit unserer Verbindung begannen Niklas und ich gemeinsam in ihr zu schweben. Ich wusste genau, was er meinte. „Ich glaube schon, Niklas“, heuchelte ich, wie eine Ertrinkende gegen die Flut ankämpfend. „Als ich ungefähr so alt war wie du, habe ich mich das auch oft gefragt, immer und immer und immer wieder.“ Er schaute mich mit seinen gütigen, wie Sternschnuppen funkelnden Augen an und lächelte. Die 47 Jahre Leben zwischen uns diffundierten. Er war ich, und ich war er. „Und?“, flüsterte ich, um den Zauber der Seifenblase, die uns umgab, noch einen Moment länger zu bewahren. „Kennst du die Antwort auf deine Frage?“ Er dachte kurz nach. „Nein“, erwiderte er nüchtern, „die kenne ich nicht.“ „Hm“, sagte ich. Jetzt dachte ich kurz nach. „Wenn du wüsstest, wer du bist“, fragte ich ihn, „was wäre dann anders als jetzt?“. Niklas überlegte. „Hm“, hm-te er zurück, „weißt du, ich glaube, gar nichts wäre anders! Ich wäre doch immer noch ich!“, und lächelte. „Du hast recht“, sagte ich, „egal ob wir die Antwort kennen oder nicht, wir sind wir.“ Und wie ein Buch, das zu Ende gelesen ist, schwang Niklas Arme, Beine und sich aus seinem Sitzsack, bäumte sich vor mir auf und schaute mich jetzt wieder mit den Augen eines Sechsjährigen an. „Nuni, komm! Wollen wir Lego spielen?“, rief er. „Und ob wir das wollen“, antwortete ich, während er schon auf halbem Weg in sein Zimmer war. „Wir sind, wer wir sind“, murmelte ich beim Aufstehen. „Wir sind einfach.“ Braucht es mehr als das? Das, und die kindliche Leichtigkeit, unser Sein in das Spielzimmer des Lebens zu tragen und aus den Lego-Bausteinen, die uns umgeben, das zu erschaffen, was möglich ist. Einen wunderbaren Moment nach dem anderen.

© Parthena Intze 2024-08-07

Buchkategorie
Biografien
Stimmung
Emotional, Hoffnungsvoll, Inspirierend, Unbeschwert, Reflektierend