Ich schließe die Augen und atme den Duft vom Regen ein. So wie es riecht, wenn der Regen mit vollster Stärke auf uns niederprasselt.
Unkontrollierbar.
So wie es riecht, wenn er jede einzelne Klamottenlage vollkommen durchnässt. Ich spüre die Tropfen auf meiner Haut und lege meinen Kopf in den Nacken. Normalerweise würde ich mir jetzt gerade sicher Gedanken machen. Würde überprüfen, dass ich keinen Dreck an meinen Hosenbeinen habe und ich würde mich ärgern, denn ich hab schon wieder nasse Haare. Aber ich tue das jetzt nicht.
Ich denke, es würde uns allen guttun, nicht über die Dinge nachzudenken und diesem Gefühl von Regen auf der Haut mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dem Leben einfach mal nachzugeben. Es wird schon seine Wege haben für uns.
Wenn man sich scheut, in den Regen zu gehen, bekommt man immer gesagt, man sei doch nicht aus Zucker. Der Regen tue schon nicht weh.
Ich glaube, ich bin jetzt erst am Verstehen. Ich stand im prasselnden Regen und er ist vergangen. Er tat mir nicht weh.
Wenn es um uns mit beängstigender Kraft wütet und der Wind an uns reißt, versucht nach uns zu greifen, während Blitze den Himmel erleuchten, dann bleiben wir stehen.
Der Regen wirkt so bedrohlich, weil er eine riesige Wand aus Dunkelheit hinter sich herzieht. Vielleicht werden wir für einen kurzen Moment nichts sehen und orientierungslos im Dunkel stehen, aber es wird vorübergehen.
Wenn sich also der Himmel lichtet und die ersten Sonnenstrahlen unsere Nasen kitzeln, werden wir verstehen, dass wir jeden noch so furchtbaren Sturm überleben.
Wir sind doch nicht aus Zucker! Der Regen tut uns nicht weh. Lichtet sich das Dunkel, rappeln wir uns auf und finden unseren Weg.
Alles geschieht aus einem bestimmtem Grund. So auch der Regen. Er ist nichts, was uns vollkommen niederreißen könnte. Wir müssen uns nicht vor dem Sturm fürchten, der vorüberzieht.
Vielleicht ist er in unserem Leben nur da, damit wir unsere eigene Stärke sehen.
© Marie Annett Moser 2022-08-21