von Amir Alawi
Theaterstück: Die Bühne ist in sanftem Licht gehüllt. Im Hintergrund spielt eine melancholische Klaviermelodie. Eine Frau in einem schlichten weißen Kleid tritt auf. Ihre Bewegungen sind anmutig wie die einer Ballerina. Ein langes Seil liegt am Boden. Allein tanzt sie, voller Freude und tiefer Traurigkeit. FRAU: (zu sich selbst): Freiheit… das süße Versprechen, das wir jagen. Doch was ist Freiheit, wenn niemand sie teilt? Sie nimmt das Seil, bindet es um ihren Bauch. Es wird zum Symbol ihrer inneren Bindungen. Eine große Kiste mit Blumen steht auf der Bühne. Sie öffnet sie, wählt eine einzelne, wunderschöne Blume aus. Langsam dreht sie sich zur Seite der Bühne, als erwarte sie jemanden. FRAU (flüsternd): Vielleicht heute. Vielleicht jetzt. Vielleicht bist du derjenige, der mich befreit. Das Licht wechselt. Ein Mann tritt auf, seine Augen leuchten vor Neugier. Die Frau lächelt und nähert sich ihm mit der Blume. FRAU (sanft): Für dich…Diese Blume. Ein Zeichen der Hoffnung. MANN#1 (zögerlich): Warum gibst du mir das? Ich bin nur ein Fremder. FRAU (lächelnd): Manchmal ist ein Fremder genau das, was wir brauchen. Sie beginnt mit ihm zu tanzen, führt ihn sanft wie eine Marionette. Der Raum wandelt sich, ein Esstisch erscheint, und die beiden setzen sich. FRAU: Ein Tanz ist ein Anfang. Doch der wahre Moment liegt im Teilen eines Mahls. Nach dem Essen führt sie ihn erneut zum Tanz, bleibt sie plötzlich stehen. FRAU: Die Blume, bitte. Der Mann gibt sie zurück. Die Blume wird schwarz, als sie sie berührt. Sie zieht ein Messer hervor und sticht ihm ins Herz. Er bricht zusammen. MANN#1 (schwach): Warum? FRAU (mit kaltem Lächeln): Weil Schönheit vergänglich ist. Sie bindet ihm das Seil um die Hand, und der Mann folgt ihr wie ein Schatten. Die Frau begegnet drei weiteren Männern. Jeder Moment folgt einem ähnlichen Ablauf: Sie tanzt, schenkt ihnen eine Blume, teilt ein Essen, und schließlich nimmt sie die Blume zurück und verletzt sie. Mit jeder Verletzung wird ihr Tanz unruhiger, ihre Bewegungen schwerer. MANN#4: (schwach): Ich dachte, du wärst anders. FRAU (leise): Ich bin, was ich sein muss. Doch das Lachen der Frau wird schwächer, gezwungen. Schließlich erscheint ein fünfter Mann. Seine Kleidung ist zerrissen, sein Rücken voller Messer, aus denen Blut tropft. FRAU: Wer bist du? Was ist das an deinem Rücken? MANN#5 (ruhig): Eine Sammlung. Jedes Messer hat ein Name, ein Gesicht, ein Schmerz. FRAU: Ich schenke dir die letzte Blume. Es wird dich befreien. MANN#5 (leise, lachend): Befreien? Du weißt nicht, was Freiheit ist. Du bist genauso gefangen wie ich. Sie reicht ihm die Blume. Der Mann nimmt sie, doch als sie versucht, sie zurückzunehmen, färbt sie sich schwarz. Sie zieht das Messer und sticht in sein Herz, doch er bleibt stehen, unberührt und passiert nichts. FRAU (verzweifelt): Warum? Warum blutet dein Herz nicht? MANN#5 (sanft): Weil ich keinen Schmerz mehr fühle. Was willst du mir nehmen, das, was schon längst verloren ist? FRAU (schreit): Ich verstehe dich nicht! Warum bist du nicht wie die anderen? MANN#5: Weil ich aufgehört habe, mich zu wehren. Manchmal heilt nicht der Kampf, sondern das Loslassen. Die Frau bricht weinend zusammen. Der Mann umarmt sie. FRAU (flüsternd): Ich wollte nur frei sein. MANN#5: Dann löse die Fesseln, die du selbst geschaffen hast. Er nimmt das Messer aus ihrer Hand, wirft es fort und löst das Seil von ihrem Bauch. Die Männer im Hintergrund lassen ihre Seile fallen und verschwinden. FRAU: Was bleibt von mir, wenn alles weg ist? MANN#5: Ein Anfang. Er reicht ihr die Hand. Sie nimmt sie. Gemeinsam verlassen sie die Bühne. Und….
© Amir Alawi 2024-11-20