von Dion Schumann
„Lecker, Wurst aus Schrunden und Geschwüren“, denkt Bert, als die graue Ominösität in ihrem fettig, karierten Papiersarg vor ihm liegt, gebettet auf einem Kissen aus eitergelben Senf. Skepsis macht sich in Bert breit, dann gewinnt der Hunger. Nachdenklich kaut er auf dem weichen, zähen Stück geschmacklosem Fleisch herum und würgt die Wurstigkeit schlussendlich hinab. Dabei fragt er sich, wer auf die geniale Idee kam, etwas zu pürieren und dann in seinen eigenen Darm zu stopfen. „Satt“, flunkert Bert mit verschmiertem Mund, fettigen Fingern und flauem Magen. Berts Onkel nickt väterlich und steckt sich eine Zigarette an. Der Nikotingeruch mischt sich mit den Fettausdünstungen, die aus der Todeskombüse herüberwehen. Dann: Zeit für ein wenig unbeaufsichtigten Spaß. Bert steht auf, wischt sich die klebrigen Finger an seiner Latzhose ab und schlendert hinüber auf den Spielplatz. Mit einem Quietschen öffnet sich die Pforte, als Bert sie nach einigen Versuch endlich auf bekommt und auf das eingezäunte Spielparadies tritt. Vor ihm ragt der Kletterturm, um dem sich eine bunte Rutsche mit den Bullaugen wie ein hungriger Bandwurm windet, in den Nachmittagshimmel. Ein wenig unbeholfen geht Bert auf den Eingang zu, der sich ihm wie ein geweiteter Schlund erstreckt. Langsam tapst der Zweijährige auf das kreisrunde Portal zu. Im Inneren riecht es beißend nach Ammoniak, Unwetter, Regen und Fritteuse. Da bekommt man glatt Appetit auf Pommes. Von Außen erklingt gedämpftes Kindergeschrei herein und Bert stellt sich vor, er kriecht in den Magen eines grässlichen Tiefseeungetüms. Schwaches Sonnenlicht scheint flackernd durch die roten Kunststoffwände der bauchigen Rutsche. Wenn draußen eine Wolke vorbeizieht, wird es für einen kurzen Moment dunkel hier drinnen.
Vorsichtig greift Bert nach der ersten Sprosse und steigt hinauf in den Torso des Turms. Die Stufen sind abgegriffen und klebrig. Teilweise werfen die Innenwände pocken-ähnliche Blasen, vermutlich von einem besonders warmen Sommertag. Die sind hier allerdings rar. Immer höher steigt er hinauf. „Bloß nicht runtergucken“, ermahnt er sich. Auf keinen Fall will er hinunterfallen. Der Aufstieg scheint ewig zu dauern. Als Bert langsam ängstlich zumute wird, erreicht er endlich die erste Zwischenstation. Hier oben riecht es noch schlechter. Als würde irgendwo was in der Ecke ungewaschen-lauernd vor sich hin vegetieren.
Bert verschnauft, lehnt sich gegen die abgerundete Wand der bauchigen Kammer und schließt die Augen für einen Moment. Die ersten, warmen Sonnenstrahlen an diesem Tag scheinen durch das zerkratze Fenster ins Innere und werfen flackernde Spiegelungen auf sein Gesicht. Würde es hier nicht so müffeln, wäre es fast idyllisch. „Psst… Bert“, echot es fröhlich es aus einem der Tunnel zu ihm. „Hier oben bin ich. Komm rauf“. Berts Augenlider klappen mechanisch hoch. Die vertraute Stimme ist leise und durchdringt trotzdem die Plastikinnereien der Rutsche konsequent. „Komm her, Bert. Dann kann uns nichts mehr trennen“.
© Dion Schumann 2024-06-20