XVI. Hang 2 und Lara

Dina-Salome Fleschen

von Dina-Salome Fleschen

Story

Heute ist Montag, langsam kommt der Druck, dass sie fertig werden muss. Druck ist gut, jetzt nur noch fĂŒr die perfekten Ă€ußeren Bedingungen sorgen, dann kommt der Flow. Hang holt sich eine Möhre und KrĂ€uterfrischkĂ€se aus dem KĂŒhlschrank, bindet sich mit einem Zopfgummi nervige HaarstrĂ€hnen aus dem Gesicht, zieht einen frischen Schlafanzug an und die dicken Kuschelsocken. Sie setzt sich wieder an den Schreibtisch. Vielleicht wĂ€re auch ein Ortswechsel gut. Sie klappt den Laptop zu, zieht sich ihre Winterjacke ĂŒber, stopft die FĂŒĂŸe mit Socken in ihre Schlappen und setzt sich mit zwei BĂŒchern und dem Computer auf den Balkon. Sie spĂŒrt keinen Flow und lĂ€sst den Blick schweifen. Die Frau von gegenĂŒber steht auch auf dem Balkon und schaut auf die Straße. Sie hat eine Tasse in der Hand. Tee! Wie konnte sie das vergessen. Hang geht noch mal rein und kocht sich eine kleine Kanne grĂŒnen Tee. Sie gießt sich eine Tasse davon ein, aber er ist noch zu heiß zum Trinken. Hang zögert und ĂŒberlegt, was sie noch optimieren könnte, bevor es richtig los geht. Doch dann seufzt sie tief. Um im Flow zu schwimmen, muss man wohl erst mal ganz rein ins kalte Wasser. Sie nimmt ihre Tasse, tritt auf den Balkon und klappt den Laptop auf. Vom Balkon gegenĂŒber schimmert das gleiche blĂ€uliche Licht, ihre Nachbarin arbeitet wohl auch noch. Da schaut die Frau hoch und fĂ€ngt ihren Blick auf. Hang lĂ€chelt und prostet ihr zu.

Lara lĂ€chelt zurĂŒck und hebt ihre Kaffeetasse mit Rotwein. Dann wendet sie sich wieder ihrem Bildschirm zu. Vier Kapitel ihres neuen Romans hat sie schon ganz fertig und das Ende hat sie auch schon skizziert. Gerade versucht sie, eine weitere Nebenfigur einzubauen, die bestenfalls schon am Anfang des Buches eingefĂŒhrt wird, die ihr aber erst gestern eingefallen ist. Das ist gar nicht so einfach. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde Arbeit ist sie vorerst zufrieden, sie muss sich das erste Kapitel aber morgen Abend noch mal im Ganzen durchlesen. Morgen schreibt sie wieder ohne Wein. Das geht manchmal stockender, aber ihr fallen Fehler und Ungereimtheiten viel schneller auf. Nein, morgen ist Fabian bei seinem Papa und Lara muss lange arbeiten. Danach schafft sie bestimmt nichts mehr an ihrem Buch. Aber das eilt ja auch nicht. Lara gĂ€hnt und streckt sich. Sie schaut noch einmal die Straße hinauf und hinunter und blickt zu dem MĂ€dchen auf dem gegenĂŒberliegenden Balkon, das gerade etwas auf seinem Handy tippt. Lara packt ihren Laptop ein, bringt die Kaffeetasse in die SpĂŒle und putzt sich die ZĂ€hne. Heute war ein schöner Tag, denkt sie und kuschelt sich ins Bett. Durch den dĂŒnnen Balkonvorhang sieht sie den Mond leuchten. Sie lĂ€chelt.

Und er lĂ€chelt zurĂŒck.

© Dina-Salome Fleschen 2022-08-15