Zaungeflüster IV: Die Pandemie Teil 2

Patrik Bruna

von Patrik Bruna

Story
Niedersachsen 2020 – 2025

„All diese Toten gibt es gar nicht! Pass auf: Ich habe einen Kumpel, dieser arbeitet im Einwohnermeldeamt. Es ist so, dass das Gesundheitsamt jeden Erkrankten melden muss. Er hat sich also die Daten der Personen angeschaut, die als krank und dann verstorben angezeigt wurden, und jetzt kommt der Kracher: Da stehen Adressen, die es gar nicht gibt! Das gilt genauso für die Menschen, die angeblich krepiert sind. Alles Blödsinn! Wir werden alle angelogen.“ Ich erwiderte nichts, sondern betrachtete ihn irritiert und gleichzeitig mit einer abstoßenden Faszination. So schnell, wie er mir seine Geheimnisse preisgab, konnte ich gar nicht denken und diese verarbeiten. Aber ohnehin schien er nicht auf eine Reaktion meinerseits zu warten, denn er setzte seinen Verschwörungsmonolog unvermittelt fort.

„Du hast doch in den Nachrichten bestimmt auch die Bilder aus Italien gesehen, oder? Ja, ja, du nickst, also kennst du die Aufnahmen aus Italien, dem Land, in dem Corona am schlimmsten ausgebrochen ist. Diese vielen Militärtransporter, die Tag und Nacht Särge zu den Verbrennungsöfen bringen. Weißt du, was echt komisch ist? Versuch doch mal, jemanden in Italien anzurufen. Was schaust du mich so verwundert an? Such dir einfach irgendeine Nummer aus – vollkommen egal. Was glaubst du passiert, wenn du die Nummer wählst? Es geht niemand ran. Das Handynetz ist in Italien komplett gesperrt.

Du fragst dich sicherlich, warum. Ich will es dir beantworten: Wir sollen ja keine privaten Nachrichten erhalten. Alles, was zurzeit aus Italien zu uns und den anderen Ländern kommt, stammt aus offizieller Quelle, aber nicht von den Menschen wie dir und mir.“ Bei letzterer Bemerkung spürte ich deutlich, wie sich meine Stirn runzelte, als wollten meine hervorstechenden Falten deutlich widersprechen, dass ich mich sicherlich nicht auf einer Ebene mit ihm verstehe. Aber ebenso machte es den Eindruck, als ignorierte er meine abwehrende Mimik, schließlich durfte er weiterhin vor sich hin plappern.

„Auf jeden Fall habe ich einen Bekannten, dessen Sohn eine Kontaktperson in Italien hat, mit der er sich alle paar Tage per Walkie-Talkie austauscht. Der Sohn und sein Kontaktmann haben also neulich über diese Militärkonvois und ihre Särge gesprochen. Und jetzt rate mal, was sich in diesen befindet!“

Ich kannte die erwartete Antwort, nur konnte noch wollte ich sprechen. Er übernahm: „Nichts! Die Särge sind allesamt leer. Sie verbrennen sie ohne Leichen, weil es keine Leichen gibt!“ Dies war zu viel des Guten. Ich widersprach ihm und machte deutlich, dass ich dieses Geschwätz für unglaubwürdig halten würde. Zu welchem Zwecke sollte man sich all diese Mühe machen? Allerdings schienen meine Worte nur so an ihm abzuprallen: „Hast du denn diese Särge öffnen können? Nein? Das überrascht mich nicht.“ Und nach einem kurzen Zögern: „Ich will dir einen guten Rat geben: Glaub nicht, was man dir verklickern möchte. Vor allem denen da oben“, er bewegte doch tatsächlich dabei seinen Kopf gen Himmel, „darfst du nicht vertrauen.“ Damit endete das Gespräch – zumindest am Maschendrahtzaun. In mir jedoch hallte es nach. Lange noch.

© Patrik Bruna 2025-01-23

Buchkategorie
Humor& Satire
Stimmung
Herausfordernd, Dunkel, Angespannt
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