Zigaretten

Miriam Strasser

von Miriam Strasser

Story

Ich lebe ein Leben in Zigarettenlängen. In der Früh brauche 3 gemütliche Zigarettenlängen, um in die Gänge zu kommen. Dazu gehören zwei große Tassen Tee: eine schwarz, eine mit Kräuter-Tee. Diese morgendlichen Zigarettenlängen entsprechen einer Zeitspanne von in etwa 45 Minuten. Natürlich mache ich auch pausen aber es fühlt sich nicht so an, weil die Zeit sich dehnt. Es sind „relativistische zeitdehnungs Zigarettenlängen“.

Eine „schnelle Zigarettenlänge“ entspricht in etwa 5 Minuten und kommt am häufigsten beim Warten auf öffentliche Verkehrsmittel vor. 5 Minuten in denen ich den Tabakbeutel heraushole, ein Zigarettenpapier und einen Filter, die Zigarette fertig drehe und rauche. Meist in drei bis vier Zügen. Meine Haut ist bereits so trocken wie Zigarettenpapier, meine Zunge so rau und trocken wie die einer Katze. Ich habe begonnen, extra lange Filter zu verwenden, um meine Rauchfinger nicht zu stark zu verfärben.

Bei den Zähnen hilft das leider nicht… durch regelmäßige Mundhygiene reduziert sich die Verschmutzung der Zähne auf einen einzigen Rauchfleck, blöderweise ganz vorne oben, quasi springt einem beim Lächeln ins Auge… Wegen der trockenen Haut habe ich nicht zu Gegenmaßnahmen gegriffen, ich verabscheue die Beauty-Industrie. Ab und zu verwende ich trotzdem eine Feuchtigkeitscreme, damit aus meiner Haut kein Sandschleifpapier wird.

Mein Lifestyle macht sich bemerkbar, wenn ich nicht mal eine Zigarettenlänge Zeit habe, um einen Zug am Hauptbahnhof zu erwischen. Beim Laufen pulsieren alle Zigarettenlängen meiner Vergangenheit gleichzeitig in meiner Lunge. Mein Atem geht geräuschvoll röchelnd und manchmal muss ich husten, während ich im Zug darauf warte, dass sich mein Herzschlag und meine Atmung wieder beruhigen. Bisher habe ich noch jeden Zug erwischt, trotz Röchelgeräuschen war ich immer schnell genug.

Beim Sex mache ich jedes Mal einen kleinen Entzug durch, zumindest beim guten Sex. Mit gut meine ich, lang. Lang genug, um Orgasmen haben können. Mehrere. Deshalb nehme ich mir danach eine gemütliche Zigarettenlänge Zeit, um wieder auf meinen Pegel zu kommen.

Eine gemütliche Zigarettenlänge entspricht in etwa 12,30 Minuten.

Mein Pegel ist hoch, ich rauche mindestens einen Beutel „Manitou“ pro Woche, das sind 30g Tabak. Wie viele Zigarettenlängen das sind, hängt von den Erlebnissen der Woche ab … Computerarbeit führt zu sehr vielen, schnellen Zigarettenlängen. Ähnlich wie ein Tag, an dem ich viel auf öffentliche Verkehrsmittel warte. Trotzdem fühlt sich so ein Tag, an dem ich viel unterwegs bin und Warte-Zigaretten rauche, gesünder an als ein Tag, an dem ich viele Computerarbeit-Zigaretten rauche.

Selbst wenn ich real dieselbe Menge Tabak verpuffe und obwohl ich zusätzlich, beim Warten auf die Öffis, die ekligen Autoabgase einatme…

© Miriam Strasser 2023-01-22