Zur Hölle mit meinen Gedanken

Katharina Bartsch

von Katharina Bartsch

Story

Liebes Tagebuch,

auch heute konnte ich den ganzen Tag wieder an nichts anderes denken. Wie soll ich irgendetwas für die Schule tun, wenn mir dieser Terror nicht aus dem Kopf geht?

Der eine Traum, den ich vor Monaten hatte … Dass ich im Sterben liege und es erst im allerletzten Moment schaffe, es ihnen endlich zu sagen. Fast gelingt es mir nicht, doch dann bringe ich die Worte doch heraus. Ich – habe – euch – lieb. Das erste Mal. Und schwupps, ohne eine Antwort zu bekommen, ist es vorbei. Zumindest im Traum hätte ich es gern gehört. Ich spüre die Mischung aus Schmerz und Verzweiflung noch genauso wie in der Sekunde nach dem Aufwachen damals.

Der andere Traum, der immer wiederkommt, lässt sich noch schlechter verdrängen. Dieser Traum hat sich ganz besonders tief in meine Gedanken gebrannt. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich zerfurchte Felsen, glühende Kohlen, Flammen, Feuerbälle und schwarzen Rauch, wo Himmel sein könnte. Ich rieche verbranntes Fleisch und höre Schreie, die unter Qualen ausgestoßen werden. Ich spüre die unerträgliche Hitze auf meiner Haut und wie meine Fußsohlen versengt werden. Wie mir die Luft knapp wird, weil der Rauch zu dicht ist. Ich habe die Fratze des Teufels vor mir, der auf einem Felsen steht und seine Hölle vom Zentrum aus überblickt. Seine Gesellen in der kargen Landschaft verteilt, die ihm nacheifern und um seine Gunst buhlen. In der Mitte von allem überwacht er, ihr Meister, ob das Leid der ihm anvertrauten Kreaturen grauenvoll genug ist. Wohin mein Blick auch schweift, nirgends ist ein Ausweg zu erkennen, nur Folter und Schmerz und Angst. Dieser Mix aus furchtbaren Gefühlen und Erinnerungen, die nie passiert sind, begleiten mich rund um die Uhr. Wenn ich nur alle sechzig Minuten daran denken muss, ist es eine gute Stunde. Wie ein langsam tödliches Gift hat sich dieser Traum in mir ausgebreitet und festgesetzt. Ich kann nicht aus meinem Kopf heraus, nicht aus meinen Gedanken fliehen. Ich möchte meine Augen nicht schließen, aber ich kann nicht anders. Wieso muss ich dauernd solche Sachen sehen? Ich will das nicht. Warum muss ich ständig solche Dinge denken? Und fühlen? Die Sache mit meinen Eltern und dass sie mir nicht sagen, dass sie mich lieb haben, ist das eine. Aber die Hölle in Dauerschleife ist eine ganz andere Hausnummer. Und sollte ich irgendwann als Erwachsene genug Geld verdienen, um mir eine anständige Psychotherapie leisten zu können, wird es echt spannend, den ganzen Mist zu analysieren.

Bis dahin bleibst mir nur du, Tagebuch. Also sorry fürs Zumüllen. Selbst wenn ich irgendwem nicht scheißegal wäre, so etwas kann man ja niemand Realem erzählen. Deshalb – bis morgen.

© Katharina Bartsch 2022-07-26

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