Zwanzigdreiundzwanzig. Easy.

von kindofkarin

Meine Apple Watch begrüßt mich mit Feuerwerk und der Herausforderung im neuen Jahr: mindestens 5 Minuten Yoga-Training für 22 Tage im Jänner. Easy. „Darf sich diese Aufgabe denn überhaupt ‚Herausforderung‘ nennen?“, frage ich mich insgeheim und blicke durch das Küchenfenster während ich meine Tasse Ubulawu-Tee mit einem Löffel Zucker versüße. Die Sonne blinzelt durch die Wolkendecke und die nächsten Tropfen finden ihren Weg durch genau dieselbe Öffnung im Himmel.

Typisches Azoren-Wetter, fühle ich mich bestätigt, und schnappe meine Mütze. Tee getrunken, fertig für den altbekannten Spaziergang bergab. Poppy wedelt erfreut mit dem Schwanz und tänzelt wie ein Dressurpferd auf ihren vier Beinen vor mir her.

Nur knappe 100 Meter entfernt ist unser altes Zuhause. Wie selbstverständlich betrete ich die lang gezogene Einfahrt auf das Grundstück und es begrüßt mich wie damals ein atemberaubender 180 Grad Meerblick. Ein überwältigendes Gefühl und gleichzeitig seltsam- wie „nach Hause kommen“ und dennoch befremdlich. Nach einem kurzen Plausch mit dem neuen Besitzer führe ich meinen Spaziergang fort. Es nieselt und ich sauge die feuchte Luft ein wie ein Schwamm. Es riecht friedlich, still und einsam. Ich weiche den Hinterlassenschaften der Kühe aus, die hier den Weg kreuzen. Nichts hat sich verändert. Alles wie damals, nur ein Jahr später, stelle ich fest und schlendere weiter.

Es scheint, als würde die Welt hier still stehen. Ein Gefühl von Geborgenheit breitet sich in mir aus. Die Wolken verdichten sich und ich fühle mich wie ein kleines Kind, das in den Schoß seiner Mutter zurückgekehrt ist. Easy.

Nach ein paar Kurven überquere ich die Hauptstraße und folge dem Weg weiter Richtung Meer. Ich erreiche den großen Parkplatz des Spa-Hotels und entdecke den alten Peugeot in einer Parklücke. Francisco, der Manager des Hotels und guter Freund ist also „on duty“. Ich beschließe wieder umzukehren und den Cappuccino mit Kokosmilch auf das nächste Mal zu verschieben. Poppys Enttäuschung über meinen Sinneswandel ist offensichtlich. Sie hätte gerne ihrem Hundefreund Guga „hallo“ gesagt.

Ohne Pause geht es somit die Höhenmeter wieder nach oben. Easy. Denn schon nach kurzer Zeit zwingt uns ein silberner Mustang am Straßenrand anzuhalten. „Hey! You are back!“ schallt es im Duett aus dem Autofenster. Teresa und Miguel, die Hotelbesitzer, grinsen erfreut. Ich freue mich sehr, die beiden wiederzusehen und bin dankbar für die kurze Verschnaufpause. Wir quatschen und ich winke ihnen nach, als sie geräuschlos mit ihrem Elektro-SUV den Berg hochfahren.

Weiter bergauf konzentriere ich mich auf meine Atmung und als wäre mir ein Licht aufgegangen, reiße ich mir meine Mütze vom Kopf: Ich möchte dieses Jahr jede Woche eine Story schreiben. Genau!

Meine Lungen bekommen wieder Luft, meine grauen Gehirnzellen eine neue Herausforderung und mein Puls geht gemeinsam mit meinen Schritten nach oben. Ohne Hektik. Zwanzigdreiundzwanzig. Easy.

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