„Wie war‘s in der Schule?“, fragte Ferhats Mutter und mampfte einen Käsespieß. „Ganz okay“, log er. Er hatte keine wirklichen Freunde. Das machte die Pausen zur Tortur, wenn alle ihn als den „komischen Einzelgänger“ zu Boden stierten wie einen Freak, aber es war andererseits auch wirklich ganz okay… die anderen würden ihn eh nicht verstehen. Sie redeten über Onlinespiele und Serien, manche gingen herumlungern oder rauchten heimlich. Das war alles nichts für ihn. Er beobachtete lieber die Straßen und die Menschen auf ihnen, streifte ziellos umher, las Comics (aber eher so altmodische Detektivcomics, die würden ihm wahrscheinlich nur noch mehr Gelächter einbringen) oder schaute oft stundenlang den Sternenhimmel an. Außerdem spielte er gerne Basketball, was vielleicht ein Pluspunkt gewesen wäre, aber dann fehlte ihm doch oft der Mumm, andere einfach mal nach einem Match zu fragen. Und so warf er ganz alleine für sich ein paar Bälle, in seinem Zimmer auf den Korb an seiner Tür oder auf dem Lessingplatz, wenn wenig los war. „Das freut mich“, lächelte sie. „Guckst du mit? Ist lustig!“ Ferhat schüttelte den Kopf. „Nee, danke, aber ich nehm‘ ein paar von den Käsedingern da.“ Er schaute zum großen Wohnzimmerfenster hinaus. Das Haus gegenüber war vor Monaten bemitleidenswert mit Graffiti verunstaltet worden und seitdem unangetastet geblieben. So war eben Bilk. Klar, richtige Ghettos gab es in hier „D-Dorf“ nicht, außer vielleicht Garath ganz am Südrand, und auch da war es nicht längst so schlimm wie manche Viertel unten in Köln oder im benachbarten Duisburg… aber man sah eben doch schon immer irgendwie, wo die Reichen und Schönen wohnten, und wo zuhause waren, die nicht so ganz den großen Jackpot geknackt hatten in der Lebenslotterie. Aber es ließ sich aushalten. Die Graffitis gehörten halt irgendwie dazu. Unten in der Merowingerstraße krachte ein bemitleidenswerter Auspuff ein paar Mal ohrenbetäubend. Ferhat blickte nach unten. Dort stand ein großer, dreckiger Sprinter und verpestete die Luft. Ein untersetzter Mann mit ausgedünntem, grauem, krausen Haarschopf schaute zum Fahrerfenster hinaus und versuchte krampfhaft, in die schmale Parklücke zu finden.
© Phil-Jonas Thomsen 2024-01-07