von Gabriele Müller
Erich, Max und ich fahren nach Hause. Das heißt, i c h fahre uns nach Hause. Daheim angekommen richte ich ein Nachtmahl her. Mütter haben immer zu funktionieren.
Wir diskutieren über die Sinnhaftigkeit der Schlüsselabnahme. Ich erzähle den ganzen Hergang vom morgendlichen Telefonat an.
Später kommt Klara. Ihr neuer Freund hat sie mit dem Auto hergebracht. Den hätte meine Mutter unbedingt kennen lernen wollen! Scheint ein netter Typ zu sein. Schade, dass man sich unter diesen Umständen zum ersten Mal begegnet. Ob er was essen möchte? Nein, nein, er müsse gleich wieder zurück fahren. Ein Kaffee vielleicht. Ich erzähle für Klara nun noch einmal wie sich alles zugetragen hat.
Max hat noch eine Verabredung. Erich zieht sich ebenfalls zurück. Klara und ich trinken ein Glas Wein und fangen an, alle Details noch einmal akribisch durchzugehen: Wieso hatte meine Mutter im Wohnzimmer gegessen? Das hatte sie nie gemacht. Wer sie kannte, wusste, dass das Wohnzimmer ihr quasi heiliger Repräsentationsraum war. Schnöde Dinge wie Essen wurden in der Wohnküche abgehandelt. Da fuhr die Eisenbahn drüber. Was oder wer konnte sie bewogen haben, dieses eherne Gesetz über den Haufen zu werfen? Und wie hatte diese alte Frau, die bereits in der Wohnung mit einem Gehstock ging, es bewerkstelligt, mit einem zum Überschwappen neigenden Suppenteller den ganzen langen Vorzimmergang zu durchschreiten?
Wir schenken uns noch einmal nach und Klara bittet mich, eine Skizze anzufertigen, wo genau meine Mutter gelegen hatte und wo die Ohrringe, wo der Suppenteller gestanden und wo der Löffel gelegen hatte. Beim dritten Glas diskutieren wir die Fallrichtung und die Suppenmenge und kommen schließlich überein, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Warum stand sie verkehrt herum zum Fauteuil? War sie zum Tisch zurück gekommen, weil sie etwas geholt hatte und wenn, was? Es stand oder lag da nichts. Und sie aß doch immer so wenig. Warum waren da an die drei Teller Suppe gekocht worden? Hatte sie jemanden erwartet?
Nachdem der Wein alle ist, gehen wir zu einem Johannisbeer-Likör über und verdächtigen die Nachbarin aus dem dritten Stock.
Wir wollen nicht wahrhaben, dass sie gestorben ist.
Dazwischen gibt es wieder lichte Momente, in denen wir einräumen, dass die Wohnung von innen versperrt war, dass Mutti bereits in der Früh über Herzschmerzen geklagt hatte, dass schließlich nichts fehlte und dass auch die Nachbarin keinerlei Motiv hätte. Als auch der Johannisbeer-Likör aus ist, trinken wir ein Restchen Cointreau und hinterher noch einen Kriecherlschnaps. Zumindest ich, soviel ich mich erinnere.
© Gabriele Müller 2020-08-22