von Susanne Paulus
In „Lazy Summer Sunday Afternoon“-Stimmung schlendere ich zur U-Bahn-Station meines Vertrauens. Sie liegt gegenüber einem Wiener Polizeianhaltezentrum . Ich gehe an einer Gruppe Männer vorbei, deren Situation mir in der Sekunde klar wird: Es sind Flüchtlinge. Zwei von ihnen verabschieden sich von den anderen und gehen weiter, in die gleiche Richtung wie ich. Einer der beiden Männer studiert nervös abwechselnd einen Zettel und sein Handy. Sie sind jung, schmächtig, schweißgebadet, ihre Kleidung ist schmutzig, sie wirken fahrig, überfordert und am Ende ihrer Kräfte. Eine kleine Bauchtasche ist ihr einziges Gepäckstück.
Einem Impuls folgend frage ich sie auf Englisch, ob sie Hilfe brauchen. Ja, das sei sehr freundlich, antwortet der mit dem Zettel in einwandfreiem Englisch und lächelt mich dankbar an. Die angegebene Adresse des Flüchtlingsheims liegt in einem anderen Stadtteil und ist mit der hier verkehrenden U-Bahn-Linie nicht erreichbar. Ich habe Zeit. „Ich bringe euch zur Straßenbahn.“ Erstaunte Blicke. Doch als ich mich tatsächlich in die Richtung bewege, aus der ich gekommen bin, strahlen sie und ihre Körperhaltung wird einen Tick aufrechter. Seit zehn Tagen seien sie unterwegs, seit gestern in Wien, beantwortet der Englischsprechende meine Fragen. Ja, sie hätten die Nacht auf der Polizeistation verbracht, sie kämen aus Indien, seien illegal aus Ungarn eingereist, viele Stunden eingepfercht in einem Kastenwagen. Sie wollen weiter nach Portugal. Er möchte meine Tasche tragen, Gentleman sein, seine Dankbarkeit zeigen. Aufgekratzt erzählt er aus seiner Vergangenheit, von seinem Stress jetzt, von seinen Zukunftsträumen und seinem zweijährigen Sohn. Zwischendurch fragt er, ob es in der Nähe ein McDonald’s gebe, sie hätten seit zwei Tagen fast nichts gegessen. Das gibt es, sie essen sich satt, telefonieren mit ihren Familien, versichern ihnen, dass sie wohlauf und in Sicherheit seien.
Ich begleite die zwei jungen Männer ein Stück mit der Straßenbahn. Die Strecke führt über die Ringstraße, vorbei an den historischen Prachtbauten. Ich kommentiere sie in Stichworten, die beiden staunen, stellen Fragen. Mir ist bewusst, wie surreal dieses „Sightseeing“-Programm diesen Geflüchteten erscheinen muss, dass es wohl wie ein seltsamer Film vor ihren überreizten Sinnen abläuft.
Für ein paar Augenblicke jedoch möchte ich sie ihre Sorgen vergessen lassen, ihrer Wahrnehmung etwas Schönes und ihrem Empfinden etwas Friedvolles präsentieren.
„Tagelang haben wir nur Steine und Schlangen auf dem Weg und aus den Autos die Baumwipfel gesehen. Ich kann dir gar nicht sagen, was es mir bedeutet, jetzt hier zu sein!“ Der Mann mit dem unaussprechlichen Namen blickt mir in die Augen: “Du hast mir wieder Hoffnung ins Herz gepflanzt. Nun weiß ich, dass ich es schaffen werde.“ Und flüsternd, wie ein Gelöbnis: “An deinen Namen und an Wien werde ich mich mein Leben lang erinnern.“
© Susanne Paulus 2022-08-15