von Johannes Perl
Ein Spätberufener könnte man sagen. Erst mit 26 das erste Mal auf einem „richtigen“ Motorrad. Die Vespa wurde stets abgetan als Moped und mehr durch Zufall wurde ich angesteckt. Plötzlich brummte ein 110 PS starker Motor aus Japan unter mir. Und es war um mich geschehen.
Jede freie Minute, selbst wenn das Wetter zu wünschen übrig ließ, zog ich meine Lederkombi über und fuhr einfach los. Meine Mutter war nicht sehr begeistert von meiner neuen Leidenschaft, war es doch nicht ungefährlich. Aber meine Familie wusste, wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ziehe ich es durch. Laut meinen Eltern meine bewundernswerteste Eigenschaft.
Immer weiter wurden die täglichen Strecken, immer öfter war ich stundenlang unterwegs. Und irgendwann führte mich diese Leidenschaft sogar ans Meer. Im strömenden Regen durch Slowenien, bis am Horizont wieder die Sonne aufging und das Meer glitzernd vor mir lag. Das Ziel erreicht, von dem ich lange geträumt habe.
Heuer war alles anders. Das Motorrad stand im Frühjahr lange still, zu groß die Befürchtung, dass wegen des Virus eine Motorradtour nicht die beste Idee sein könnte.
Und doch, ich schaffte es wieder, ein Ziel zu erreichen. Noch immer, wenn ich daran denke, macht es mich ein klein wenig stolz. 1800 Meter über dem Meer. 1500 Kilometer. Eine Möglichkeit, nach einer schweren Zeit aus dem Alltag auszubrechen und die berühmte „Freiheit auf 2 Rädern“ zu genießen. Die Sorgen vergessen, nur die Straße, das Motorrad und ich.
Noch immer gibt es kaum ein schöneres Gefühl, als den Fahrtwind zu spüren, die Kraft der Maschine unter einem zu merken, wenn man eine kurvige Bergstraße hinauf fährt. Die Schräglage, die das Knie dem Asphalt immer näher bringt, die Fliehkräfte, die einen nach der Kurve wieder gerade richten. Physik der allerschönsten Sorte.
Im Alltag bin ich oft unsicher, aber sobald ich auf dem Motorrad sitze, kann ich ich selbst sein, kann ich der sein, der ich sein möchte. Kriege den Kopf frei, der Wind bläst alle schlechten Gedanken weg. Und jeder Kilometer bedeutet eine neue Erfahrung in meinem Leben.
Das Fahren lässt die Probleme des täglichen Lebens nicht verschwinden, aber es lässt sie einen vergessen. Es mag ein Klischee sein, es ist eine Therapie. Eine mit 2 Rädern, 4 Zylindern und 110 PS.
© Johannes Perl 2020-10-05