Zwei Stunden für mich

G.F. Stöger

von G.F. Stöger

Story

Endlich. Ich bekomme zwei Stunden für mich. Ganz für mich allein! Ohne Kinder, Haushalt, Garten, …

Die Kleine ist in der Schule, der Große cruist mit dem Papa durch’s Ländle. Und ich – ich bin den ersten Tag im Büro. Was für eine Wohltat. Wieder bekannte Gesichter zu sehen, ein persönliches „Hallo“ und einen wohltuenden Kaffee in meiner Bürotasse.

Als ich um vierzehn Uhr beschwingt das Gebäude verlasse, habe ich noch zwei Stunden, bis ich den Bus nach Hause nehmen muss.

Zuerst flaniere ich gemächlich durch die Fußgängerzone, beobachte die Menschen, spähe in Schaufenster, lasse mein Gesicht von der Sonne verwöhnen. Ein Gefühl von „wie im Urlaub!“ macht sich in mir breit.

Ich streife eines meiner Lieblingsgeschäfte. Mich überkommt das Gefühl, unsere die letzten Wochen darnieder gerungene Wirtschaft unterstützen zu wollen. Shoppen also.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, sicher KEIN Gewand vermummt einkaufen zu wollen. Aber in dem Moment ist die Sehnsucht nach einem neuen Shirt und einer luftigen Sommerhose einfach zu verführerisch. Also Accessoire aufgesetzt und rein ins Vergnügen.

Da ich die einzige Kundin bin, bekomme ich ein Beratungsprogramm á la „Pretty Woman“. Etliche Teile finden durch die Verkäuferin ihren Weg in die Kabine. Der Vorsatz wird gebrochen und zusätzlich zu Hose und Shirt zähl ich ein Sommerkleid und ein zweites Oberteil in der Papiertasche.

Wieder frei atmend könnend schwanke ich zwischen Kaffee bei der Freundin und Cappucchino in der Fußgängerzone. Beides äußerst verführerisch! Letzteres setzt sich durch und so setze ich mich 5 Minuten später neben Palmen an einen in der Sonne platzierten Tisch.

Nach dem Checken der Online-News packe ich ehrfurchtsvoll mein Manuskript aus dem Rucksack. Dazu meinen Lieblingsschreiberling. Monatelang hatte ich beides nicht in der Hand gehabt.

Als die Bestellung ihren Weg zu mir findet, lese ich mich bereits ein. Ich muss mich erstmal wieder zurecht finden. Zu lange lag die schwarze Mappe in Dunkelheit verborgen.

Genussvoll schlürfe ich an meinem ersten Cappucchino seit Wochen. Herrlich der Schaum, das röstige Aroma. Und dann schreibe ich, endlich wieder, an meinem Roman weiter. Erst da fällt mir auf, wie sehr mir die handschriftliche Arbeit gefehlt hat. Irgendwie ist bei mir der Geist freier, wenn er sich seinen Weg durch meine Hände auf’s Papier bahnen muss.

Ich schaffe ganze 4 Seiten inklusive Abschluss eines Kapitels. Stolz schreibe ich die Überschrift für’s folgende. Dann bezahle ich und mach mich auf den Weg zurück in den Alltag.

Zwei Stunden. Angefühlt hat es sich wie 2 Tage Urlaub.

Als ich in Dornbirn aus dem Bus steige tänzle ich fast vor mich hin. Ich muss unbedingt dafür sorgen, dass sich diese 2 Stunden möglichst bald wiederholen, oder zumindest die zweite. Für wiederholtes Shoppen haben sowohl mein Mann als auch mein Bankkonto kein Verständnis …

© G.F. Stöger 2020-05-29

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