von Lorenz Graf
Nach einem Abendspaziergang mit dem Hund kehrte ich noch in einem Gasthaus auf ein kleines Bier ein. Ich nahm an einem Stehtischchen Platz. Am Nebentisch standen vier MÀnner und unterhielten sich lautstark, sodass ich ihre GesprÀche mithören musste. Ihre Unterhaltung ging mir lange nicht aus dem Kopf. Noch in der Nacht habe ich alles aufgeschrieben, fast alles und dabei ihre Worte und SÀtze festgehalten:
Ein Mann: „Meine Frau geht ja nicht aus, sie bleibt lieber zu Hause. Aber ich rufe immer an, wenn ich weg bin. Sie freut sich dann. Sie hat daheim immer etwas zu tun. Am Montag arbeitet sie mit dem Staubsauger, am Dienstag hat sie Waschtag, auch noch am Mittwoch. Sonst hat sie auch immer viel zu tun. Aber manchmal sage ich, heute wird nicht gekocht, heute gehen wir Schnitzel essen. Da geht sie mit. Wir sind 20 Jahre zusammen und haben noch nie, noch nie gestritten. Ja, manchmal reden wir ganzen Tag nichts, aber streiten tun wir nicht. Wenn etwas nicht passt, rede ich das aus, wie zivilisierte Menschen, dann ist alles nach 5 Minuten wieder ausgeredet und es passt wieder.“
Ein anderer `Wirtshausphilosoph`: „Ich wĂŒrde meine Frau nicht betrĂŒgen, jetzt schon gar nicht mehr. Dieser ganze Stress, den du da hast. Anbraten schon und so allerhand noch, aber bis zum Schluss, nein, so weit gehe ich nicht. Das tue ich meiner Frau nicht an. Und das gĂ€be nur Streit.“ Einwurf eines anderen Gastes: „Wenn ein Paar nicht streitet, lieben sie sich nicht richtig. Streit gehört zu einer Partnerschaft.“
Ein folgender Disput: „Ich liebe meine Frau, obwohl wir beide schlimmes erlebt haben. Ihr erster Mann kam oft betrunken heim und sie musste ihm mitten in der Nacht Schnitzel zubereiten. Wenn sie es nicht tat, dann setzte es SchlĂ€ge. Einmal war es ihr dann zu viel.“ „Eine Frau schlagen geht gar nicht! Das ist ein absolutes No-Go.“ „WĂŒrde ich nie tun. Aber meine Ex hat alles Geld ausgegeben. Ich konnte gar nicht so viel verdienen, als sie ausgab. FĂŒr mich und die Kinder blieb nichts ĂŒbrig. Ich hatte drei Kinder. Da habe ich Schluss gemacht mit ihr. Es ging nicht mehr.“
Mir war klar: Vieles, was sie sagten, war sicher nicht wahr und was wirklich wahr war, sagten sie nicht. Nicht die Wirklichkeit, sondern ihre aus gehörten oder gelesenen Wunschvorstellungen, dominierten ihre Unterhaltung. Das GefÀhrliche ist ihre Weltanschauung, weil sie ihre Welt nicht genau angeschaut haben. Eine Frau, leicht betrunken, vielleicht auch schwer, gesellte sich zu der Runde. Das folgende Balzverhalten der MÀnner hÀtte fast einen Auerhahn neidisch machen können. Aber die Frau war kein besonders unterhaltsamer Gast mehr, schwieg die ganze Zeit, wankte hin und her und lachte nur manchmal auf.
„Also, man muss immer reden, alles ausreden, dann gibt es keinen Streit“, verkĂŒndete der erste wieder. Dann wandte er sich an mich und fragte, was ich dazu sage. Ich antwortete: „Ich habe mit meiner Frau schon eine Woche lang nicht geredet. Ich wollte sie nicht unterbrechen und im Ăbrigen kann ich nicht mitreden, da ich erst seit 52 Jahren verheiratet bin. „Allgemeines GelĂ€chter und ich war erlöst, zahlte und verlieĂ den Gastgarten.
Zwickt`s mi, i man i tram (Wofi Ambros)
© Lorenz Graf 2024-11-23