by Mike Hornyik
Ich musste jetzt länger nachdenken, wann ich das letzte Mal nur einen Job hatte. 2016 im Frühjahr. Allerdings nicht sehr lange. Ein halbes Jahr später waren es schon drei und seither eigentlich kaum weniger.
Es ist ein Kampf, den die meisten Personen führen, die Kunst schaffen wollen. Wie viel Zeit investiere ich, wie viel verdiene ich damit, wie viel muss ich in einem „normalen“ Job daneben noch arbeiten, damit ich durchkomme? Bleibe ich auf der sicheren Seite und arbeite Teilzeit oder mehr in einem Arbeitsverhältnis mit geregeltem Gehalt? Dann bleibt vielleicht nicht genug Zeit und Energie, um Kunst zu produzieren. Riskiere ich und setze alles auf die Kunst? Dann bleibt vielleicht nicht genug Geld zum Leben.
Mich hat dieser Kampf bald in die Gastronomie geführt. Nicht unüblich. In einem Monat mit gutem Trinkgeld lässt sich dort auch in Teilzeit genug verdienen – und das oft bei flexiblen Arbeitszeiten. Außerdem ist die Arbeit abwechslungsreich und man ist immer unter Menschen. Es kann richtig viel Spaß machen. Viele bleiben genau deshalb lange in dem Job hängen, der eigentlich nur als Übergang geplant war – bis zum großen Durchbruch halt.
Doch die Arbeit stand meinem Traum vom Künstlerdasein irgendwann doch zu sehr im Weg. Vor allem, weil Nachtarbeitszeiten dich so richtig auslaugen können. Also doch etwas, das mehr in die Richtung geht, in die ich auch als Künstler gehen möchte: mit Reden Geld verdienen. Da war natürlich ein ganz bestimmtes Medium das Naheliegendste. Ich bewarb mich, hatte mehr Glück als Verstand und war auf einmal Radiomoderator.
Der dritte Job war das dann. Ganz reichte es nämlich nicht, um in der Bar komplett aufzuhören und in meinen finanziellen Erfolg als Poetry Slammer und Comedian hatte ich noch nicht genügend Vertrauen.
Diese drei Jobs sind mir seither geblieben: Moderator, Barkeeper, Künstler. Übrigens habe ich lange gebraucht, um meine Arbeit als Künstler auch als solche zu bezeichnen – nämlich als Beruf, dem ich nachgehe. Doch dann dachte ich: Wenn ich mich selbst als Künstler nicht genug respektiere, um mich als solchen zu bezeichnen, warum sollte das irgendjemand anderer tun? Wenn ich meiner Arbeit als Künstler nicht genug Wert gebe, um sie als Beruf zu sehen, wie sollte sie jemals zum Beruf werden?
Noch brauche ich zwei zusätzliche Jobs, um mein Leben zu finanzieren, während ich vom Durchbruch als Künstler träume. Ich hoffe, dass bald nur noch einer notwendig ist. Dann hätte ich zum ersten Mal seit 2016 nur zwei Jobs. Ich weiß, dass ich, solange ich diesen Traum verfolge, meine Zeit und meine Energie immer nach dieser Abwägung einteilen muss: Risiko oder Sicherheit?
Und das ist okay. Es ist mein Leben, ich habe mich dafür entschieden und ich bereue es nicht. Es macht Spaß, stellt mich immer wieder vor neue Herausforderungen und ich habe etwas, das vielen Menschen meiner Generation fehlt: ein Ziel. Aber hin und wieder frage ich mich schon, wie das wohl ist … wenn man nur einen Job hat.
© Mike Hornyik 2021-08-26