Bummeln

Tristan Blau

by Tristan Blau

Story
heidelberg 1999 – 2001

Der Abend begann mit einer uralten studentischen Tradition: Bummeln. In der Welt der Studentenverbindungen bedeutet das, dass man mit ein paar Bundesbrüdern durch die Stadt zieht, bei anderen Verbindungshäusern klingelt und hofft, hereingelassen zu werden. Wird man freundlich empfangen, gibt es meist Bier. Viel Bier. An diesem Winterabend waren wir zu dritt unterwegs. Johannes war Bursch, also Vollmitglied seiner Verbindung. Paul und ich waren Füxe, Neulinge, die noch alles lernen mussten: Lieder, Traditionen und vor allem Trinkfestigkeit. Vor einem großen Haus mit Wappen über der Tür blieb Johannes stehen.
„Das ist ein Corps“, sagte er. „Die sind schlagend.“ Schlagend hieß: Mensuren, Fechtduelle mit scharfen Klingen. Altehrwürdig, stolz und meistens ziemlich trinkfest. Johannes grinste. „Heute sind wir die AV Feldjäger.“ Er klingelte. Die Tür ging auf. „Abend.“ „Abend“, sagte Johannes souverän. „Feldjäger. Wir sind am Bummeln.“ Der Corpsstudent musterte uns kurz und grinste dann. „Kommt rein.“ Der Presskeller lag unter dem Haus. Niedrige Decke, schwere Holzbalken, Wappen an den Wänden und lange Tische. Auf ihnen standen riesige Biergefäße. „Eins Komma acht Liter“, erklärte einer der Corpsstudenten und stellte uns drei davon hin. „Auf die Feldjäger!“ „Zum Wohl!“ Wir hoben die Gefäße und tranken ex, also ohne abzusetzen.
Das Bier rauschte zunächst heroisch die Kehle hinunter, doch bald wurde jeder Schluck zum Kampf. Als mein Glas leer war, fühlte ich mich zwei Sekunden lang wie ein Held. Dann kam der Kübel. Im Presskeller gehörte er offenbar zur Grundausstattung. Nachdem wir uns wieder gefangen hatten, setzte sich ein Corpsstudent zu uns. „Sag mal“, fragte er, „wer ist bei euch gerade Senior?“ Johannes zögerte kurz. „Müller.“Der Corpsstudent runzelte die Stirn. „Und wer sind eure aktiven Burschen?“ Johannes griff zum erstbesten Namen, der ihm einfiel. „Rabenau.“ Sofort hob einer den Kopf. „Rabenau? Nein. Der ist bei der Tanne.“ Stille. Dann brach Gelächter aus. „Also Jungs“, sagte der Corpsstudent schließlich, „ich glaube, ihr seid keine Feldjäger.“ Johannes seufzte. Der Corpsstudent zeigte auf unsere Gläser. „Wenn man beim Bummeln erwischt wird, trinkt man aus und geht.“ Also setzten wir noch einmal an und leerten die Gefäße. Danach wurden wir freundlich, aber bestimmt zur Tür begleitet. Draußen traf uns die kalte Nachtluft. Wir schwankten die Straße hinunter, hielten uns an den Händen, damit keiner umkippte. Nach einer Weile murmelte Paul: „Beim nächsten Mal…“ „Ja?“ „…gehen wir zu einer Verbindung mit kleineren Gläsern.“ Johannes nickte ernst. Denn eines ist sicher in dieser seltsamen Parallelwelt der Studentenverbindungen: Beim Bummeln gibt es immer noch ein nächstes Haus. 

© Tristan Blau 2026-03-04

Genres
Novels & Stories
Moods
Abenteuerlich
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