Der erste Kuss

Nina Burian

by Nina Burian

Story

“Und was ist dann passiert?“ flĂŒsterte Lia. – “Dann haben mich meine Eltern hier nach Berlin geschickt, damit ich weiter in die Schule gehen kann. In Wien durfte ich nicht mehr, weil die Hitlerjugend verboten war. Kannst du dir das vorstellen?“ erwiderte Robi. Im Hintergrund schwoll das Dröhnen der Flieger an. “Pst! So seid doch Mal leise ihr Labertaschen!“ schalt Lias Schwester Susi. Meine Lia Oma und Robi Opa, damals erst um die 18, bissen sich grinsend auf die Lippen. Schlechtes Gewissen hatten sie aber keines, viel zu aufregend war die Situation gerade.

“Und das aufregendste waren nicht die Bombenflieger, die aus Berlin Kleinholz gemacht haben.“ erzĂ€hlte Lia Oma mir viele Jahre spĂ€ter schelmisch lĂ€chelnd. „Das aufregendste war Robi, der neben mir saß!“

Es gab wieder einen Flieger-Alarm, deshalb mussten alle so schnell wie möglich in den nĂ€chsten Luftschutzbunker. Damals gab es den Alarm alle Tage und meine Urgroßmutter scheuchte meine Oma, ihre Geschwister und alle GĂ€ste aus der BĂ€ckerei. “Angst hatte ich aber keine.“ Omas Augen peilten einen Punkt in der Vergangenheit an. “Ich war nĂ€mlich total aufgeregt, dass Robi mit uns mit war. Wir waren zuvor ja erst ein paarmal spazieren gegangen. Aber ich fand Robi von Mal zu Mal immer besser.“

Mich faszinierte es immer, dass Oma mit dem Krieg ihre Liebesbeziehung mit meinem Opa verband und uns deshalb fast nur Geschichten von ihrem Kennenlernen, dem aufeinander warten und sehnen und ihrer Briefhochzeit erzĂ€hlte: “Die zweite Ferntrauung in Österreich nach dem Krieg. Ich wusste 3 Wochen lang nicht, dass ich verheiratet war, weil der Brief so lange nach Deutschland brauchte!” Erst viel spĂ€ter wurde mir klar, dass sie den Schmerz und die Trauer, die der Krieg mit sich brachte, hinter ihrer lieben und lustigen Fassade versteckte.

So saßen also meine Großmutter, ihre Geschwister und Eltern, die Gesellen und Angestellten der BĂ€ckerei mit meinem Großvater im Luftschutzbunker aneinandergedrĂŒckt. Omas Aufmerksamkeit galt jedoch nicht dem Dröhnen der Flieger ĂŒber ihren Köpfen, sondern den langen Fingern, die heimlich ihre Hand umschlungen.

Plötzlich ein lauter Knall, die Erde bebte und mit einem Schlag war es stockfinster. Ein paar Leute schrien auf, man hörte das Pfeifen der fallenden Bomben, immer wieder erzitterte der Boden. “Die muss ganz in der NĂ€he eingeschlagen sein. Was meinst du, Lia?
 Lia?“ flĂŒsterte Tante Susi. Doch weder Lia Oma noch Robi Opa gaben ihr eine Antwort.

Nach ein paar Minuten war es wieder still ĂŒber Berlin geworden und jemand öffnete die TĂŒre, sodass ein wenig Licht hereinfiel. Pikiert schaute Tante Susi auf Lia Omas geröteten Wangen und Robi Opas schelmisches Grinsen.

“Ja, dein Opa hat mich das erste Mal wĂ€hrend eines Luftangriffs bei einem Stromausfall im Luftschutzbunker gekĂŒsst.” schwĂ€rmte Oma mit glitzernden Augen. “Ich weiß nicht, warum sich Susi ĂŒber uns Ă€rgerte.” Sie zwinkerte mir zu: “Wir waren doch leise, so wie sie wollte.”

© Nina Burian 2021-05-31

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