by oitzinger
Die Fußgängerampeln in Dublin weisen den Luxus von gleich drei Lichtern nämlich Rot, Gelb und Grün auf.
Bei Grün darf man gehen, bei Gelb auch und bei Rot sowieso. Ich, in meiner jungfräulich touristischen Naivität, blieb naturgemäß angesichts des roten Leuchtens in meinem rechtsstaatlichen Verständnis stehen und wartete ein saftiges Grün ab, während sich Menschenmassen an mir vorbeidrängten. Doch ich blieb standhaft.
Na schön, na schön – drei FuĂźgängerampeln später, hielt ich den gesellschaftlichen Druck nicht mehr aus, bei der vierten Ampel lief ich schon mal schuldbewusst bei einem Blass-Orange ĂĽber die StraĂźe.
Bei der fĂĽnften und sechsten auch schon mal bei Rot. AuĂźerdem war auf den StraĂźen vor den FuĂźgängerampeln am Boden deutlich aufgesprĂĽht, dass man hier nach rechts (Look right) oder mal nach links (Look left) blicken sollte. Was daraus eindeutig schlieĂźen lässt, dass dieses Rot lediglich als unverbindliche Empfehlung zu gelten hat – mehr aber auch schon nicht.
Am zweiten Tag querte ich nur mehr bei Rot die Straße – schließlich will man ja nicht als dümmlicher Tourist auffallen. Wenn ich dann doch mal versehentlich auf eine grüne Ampel stieß, wartete ich geduldig, bis sie endlich auf Rot schaltete.
Als ich an einem Tag die O’Connell-Street queren musste, um zur Samuel-Beckett-Bridge zu gelangen, lookte ich nach left, zwei Doppeldeckerbusse sah ich, die aber noch weit genug entfernt waren, ich nickte noch freundlich einem Polizisten zu und überquerte pflichtgemäß bei Rot die Straße, in diesem Moment schoss ein Radfahrerin aus heiterem Himmel herbei und verfluchte mich sehr deftig, was an ihrer Gestik und Lautstärke zu erkennen war. Ich verstand kein Wort, höchstwahrscheinlich war es gälisch, dieses uririsch, also diese Sprache auf die die Iren mächtig stolz sind und deshalb alles doppelsprachig auszeichnen und seien es nur die Öffnungszeiten im Tattoo Shop.
Ich konnte der resoluten Radfahrerin gerade noch mit einem beherzten Sprung zur Seite entkommen, war dennoch peinlich berührt und möchte mich hier in aller Form bei der Radfahrerin und dem irischen Staat zu tiefst entschuldigen. Es stand nicht in meiner Absicht, ich respektierte selbstverständlich die Gesetze des irischen Staates – es war ein kulturelles Missverständnis:
Es tut mir leid! – Tá brĂłn orm!
Dafür erheiterten sich zwei ältere, kahlköpfige Herren ob dieser Beinahe-Kollision und kriegten sich vor Lachen nicht mehr ein. Ich versuchte ihnen die Komplexität dieses Missverständnis zu erläutern, gab allerdings entnervt auf, weil sie offensichtlich ihr Lachen nicht einstellen konnten.
DafĂĽr schloss ich ab diesem Tag die irische Polizei – die Garda – in mein Herz, da sie mich trotz dieses Vorfalls nicht in den Tower of Dublin warf.
Bei der Heimfahrt klärte mich die Taxi-Chauffeurin dahingehend auf, dass es verboten ist bei Rot über die Straße zu gehen –
… das hätte man ruhig mal im Reiseführer vermerken können.
© oitzinger 2020-06-08