Die schlimmste Nacht meines Lebens

Dorfbarbie

by Dorfbarbie

Story
Berlin 2016

Am 12.12.2016 gegen 7 Uhr verließ ich meine Wohnung. Beim Herausgehen dachte ich an deine heutige Operation, also griff ich mein Handy und schrieb dir eine Nachricht. Auf der Arbeit angekommen, überflutete mich direkt der “Montagswahnsinn”. Doch meine Aufmerksamkeit hatte mein iPhone. Ich wartete auf eine Nachricht von dir. Die Nachricht, die dann aber kam, ließ mich schaudern. Ralf schrieb mir, ich solle ihn bitte anrufen. Ich ging in den Flur und kam seinem Wunsch nach. Er erzählte mir, dass du während der Narkose einen Kreislaufzusammenbruch hattest und dass du jetzt mit dem Rettungswagen in ein “richtiges” Krankenhaus gebracht wirst. Deine Operation fand in einem ambulanten Krankenhaus statt und der ursprüngliche Plan war, dass du nachmittags wieder zu Hause bist. Diese Wendung war ein kompletter Schock für mich. Wir verabredeten uns, dass er mich in ca. 45 Minuten auf der Arbeit abholen würde. Er musste den Hund noch bei Freunden unterbringen und dann braucht er ja auch eine Weile zu mir. Wir legten auf und mir liefen immer mehr Tränen über die Wangen. So langsam begriff ich, dass du grade um dein Leben kämpfst und ich betete, dass du es schaffen würdest.

Ralf sammelte mich ein und wir fuhren gemeinsam zu dir ins Krankenhaus. Wir durften nicht direkt zu dir. Die Ärzte versuchten immer noch dein Leben zu retten. Also mussten wir uns im Wartebereich irgendwie die Zeit vertreiben. Wir fanden keine richtigen Worte. Immer wieder brachen wir in Tränen aus und umarmten uns. In regelmäßigen Abständen ging ich ins Patienten-WC, um mir eiskaltes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen. Draußen war es kalt, aber mir war die ganze Zeit so warm und das war das einzige, was mir half.

Nach mehreren Stunden kam endlich ein Arzt zu uns. Er erklärte uns, was passiert ist und zeigte uns ein MRT Bild von deinem Kopf. Er meinte, sie konnten zwar deinen Körper zurück ins Leben holen, aber nicht dich. Und selbst wenn du es doch schaffen solltest noch einmal “wach” zu werden, dann könnten sie uns nicht sagen, in welchem Zustand das wäre. Ob du je wieder sprechen könntest zum Beispiel. Er wollte sicher gehen, dass wir das verstehen, bevor wir dich sehen. Danach brachte er uns zu dir. Du lagst hinten im Raum, am Fenster und es war mittlerweile schon dunkel draußen. Dein Brustkorb hebte und senkte sich. Doch du hast nicht selbstständig geatmet, das taten Maschinen für dich. Du warst an so vielen Maschinen angeschlossen, ich konnte sie nicht zählen. Und dein Blut wurde außerhalb deines Körpers gekühlt. Überall auf deinem Körper lagen Kühlakkus. Der Anblick war kaum zu ertragen. Ich nahm deine Hand und streichelte sie mit meinem Daumen. Dann gab ich dir einen Kuss auf die Wange und flüsterte dir ins Ohr “bitte bleib bei mir”.

Die nächsten Stunden hast du gekämpft. Ich weiß, dass du zu uns zurückkommen wolltest. Du wolltest nicht gehen. Aber du hast es nicht geschafft. Am 13.12.2016 Um 2:46 Uhr hast du deinen letzten Atemzug genommen. Du hast diese Welt mit 45 Jahren, viel zu früh verlassen und du hast eine riesige Lücke hinterlassen. Ich werde diese Nacht nie vergessen und ich werde dich nie vergessen. Ich liebe dich Mama und ich wünschte, du wärst immer noch hier und könntest deine Enkeltochter kennenlernen.

© Dorfbarbie 2023-07-22

Genres
Novels & Stories
Moods
Traurig