Du trägst mein Licht

Susann Gersten

by Susann Gersten

Story
Dresden

Es waren einmal zwei Seelen. Sie waren sich vertraut, ohne zu wissen, wann genau diese Vertrautheit begonnen hatte. Es war keine laute Verbindung, keine, die sich in groĂźen Worten zeigte. Sie war leise. Still. Und doch spĂĽrbar wie ein warmer Strom unter ihrer Haut. Irgendwann hatte einer von beiden plötzlich sein Leuchten verloren. Es war ein langsames “Vergessen” gewesen. Tage, an denen alles schwerer wurde. Gedanken, die sich verdichteten. Zweifel, die sich wie feiner Staub auf alles legten, bis selbst das Eigene fremd wirkte.

Der andere sah es.
– ohne Worte
– ohne Erklärung

Er sah es, weil er hinsah. Wirklich hinsah. Ohne zu werten und zu urteilen. Ohne etwas verändern zu wollen. Er blieb.

Manchmal saßen sie einfach nur nebeneinander. Worte waren nicht nötig. Der Raum zwischen ihnen war weich. Weit. Frei von Erwartungen. Es war ein Raum, in dem nichts geleistet werden musste. In dem niemand etwas beweisen musste.

„Ich erkenne dich“, sagte der eine leise, eines Abends, als die Dunkelheit sich sanft um sie legte. Der andere schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich glaube kaum, dass da noch viel da ist, von dem, was ich selbst einst kannte.“ Doch der Blick, der ihm entgegensah, widersprach nicht laut. Er hielt einfach stand. Warm. Klar. Unerschütterlich. Doch…“, kam es ruhig zurück. „…ich sehe es noch. Auch wenn du es gerade nicht kannst.“

Es war kein Ăśberreden. Kein Ăśberzeugen. Nur eine stille Erinnerung, die wie ein Lichtfunke in der Luft lag.

Tage vergingen. Vielleicht Wochen. Es war nicht messbar. Aber langsam begann sich etwas bei dem einen zu verschieben. Ganz leise. Wie ein erster Atemzug nach langer Enge. Wie ein kaum wahrnehmbares Aufglimmen. So, als ob jemand den Raum hielt – so lange bis er selbst bereit war ihn wieder zu betreten. Ein Raum für Zweifel – für Stille – für das Unfertige – für das unausgesprochene. Und in diesem Raum durfte das Licht langsam zurückkehren – in seinem eigenen Tempo. Unberührt und echt.

Eines Morgens, als der erste Sonnenstrahl durch das Fenster fiel, blieb der Blick des einen an den eigenen Händen hängen. Da war es wieder – als GefĂĽhl. Zart. Kaum greifbar. Eine Art kurzes Aufglimmen.

„Ich glaube..“
, begann er vorsichtig, „…ich kann es wieder spüren.“

Der andere lächelte sanft. „…es war nie weg.“ Ein leiser Moment für beide. Voll. Still. Wahr.

Und plötzlich wurde klar: “Das Licht war nie verloren gewesen. Es war nur gehalten worden – in den Augen eines anderen.”

In manchen Begegnungen finden wir uns selbst in den Augen eines anderen wieder – als Raum, der bewahrt, was längst in uns ist. Es sind Menschen, die unser Licht still durch die Zeit tragen, in der wir es selbst nicht sehen können – bis wir lernen, es wieder in uns zu erkennen.

© Susann Gersten 2026-05-06

Book Category
Novels & Stories
Moods
Emotional, Hoffnungsvoll, Inspirierend, Reflektierend
Hashtags